Alois Potton hat das Wort [Nr. : 59, 3/2007 ]


 

KiVS in Bern

 

Die KiVS-Tagung zum ersten Mal im Ausland, genauer gesagt in der Schweiz und sogar in der Bundeshauptstadt Bern. Die Geschichte wiederholt sich: Begann doch die KiVS-Tradition in der (damals sich allerdings noch nicht Bundeshauptstadt schimpfen dürfenden) Lokalität namens Berlin - um übrigens nie wieder dorthin zurückzukehren. Und auch die meisten von uns werden es wohl nicht mehr erleben, dass die KiVS noch einmal in Bern aufschlagen wird, denn dazu gibt es doch allzu viele Klein- und Mittelstädte im deutschsprachigen Raum, die sich Universität nennen dürfen und die nach der vielleicht zweifelhaften Ehre der KiVS-Ausrichtung gieren.

Also Bern: Was fällt uns dazu ein? Natürlich der berühmte Berner Sennenhund; dann der Flughafen Bern-Belp, der ähnlich frequentiert und genauso notwendig ist wie der von Saarbrücken-Ensheim; auch das Berner Roeschti; vor allem aber das Gerücht oder die Tatsache einer geradezu unerträglichen Langsamkeit, wozu Google nicht weniger als 10.600 Einträge anbietet; was aber nicht gar einmal übermäßig viel ist, denn der Berner Sennenhund bringt es auf geschlagene 486.000 Treffer, die meisten davon wohl Hundefotos aus zahllosen Familienalben. Viel mehr weiß man außerhalb des von den Schweizern als Sauschwaben bezeichneten Alemannenreichs nicht von der Berner Befindlichkeit. Ziemlich unspektakulär also, was auch schon dadurch dokumentiert wird, dass das KiVS-Programm für informatisch/physikalische Sehenswürdigkeiten bereits eine minimale Anpassung im Alphabet vornehmen musste: Statt BERN wird listigerweise CERN besichtigt.

Hat ja auch was für sich, eine solche Bodenständigkeit. Man wird nicht andauernd belästigt (so wie in deutschen Universitätsstädten) von der unsäglichen Einfallslosigkeit gewesener Schüler, die glauben, auf ihr Abitur stolz sein zu müssen und das durch ebenso fade wie witzlose Heckscheibenaufkleber auf dem väterlicherseits gesponsorten fahrbaren Untersatz mitteilen. Einige Beispiele gefällig (allesamt in den letzten Wochen gesehen)? ABIpunktur, ABIagra, Westminster ABI, Fluch der KABIbik, RABInson Crusoe, ABIKINI, ABIos Amigos. Ist das nicht entsetzlich? Andererseits ist auch darauf zu hoffen, dass in Bern (welche Sprache bzw. was für ein Deutsch ist dort eigentlich angesagt?) scheinbar intellektuelle Auswüchse von vornehm klingen sollenden Formulierungen seltener sind als etwa die folgenden (gesammelt auf einer Sitzung über Medienwissenschaften im Februar 2007): "modellplatulistisch", "neue Konsoziationsformen als Konstituens oder als Definiens aufnehmen", "struktureller Präsentismus", "hybridisieren und damit zum Nullpunkt bringen", "eine Befreiung von der Last, den Weltgeist zu tragen", "ist nicht zwingend der Oblivio anheimzustellen" oder gar "sprunghafter Ad-hocismus". Da lobe ich mir dann doch die ganz normalen "Ad-hoc-Netze", deren absolute Blütezeit aber auch schon ein wenig vorbei zu sein scheint.

 

Apropos "Ad-hoc": Was lehrt uns Programm der KiVS 2007? Man kann zu unserer Konferenzreihe ja stehen wie man will, aber eins ist sicher: Bereits die Sitzungsüberschriften der KiVS verraten die aktuellen Trends und die vielleicht nie Wirklichkeit werdenden Spekulationen der nächsten Dekade. Diesmal ist der Trend völlig eindeutig (ebenso wie es in den Achtziger Jahren für den damaligen "Hype" Bildschirmtext galt): Es geht um Mobilität, denn nicht weniger als acht (!) Sitzungen - von den Keynotes ganz abgesehen - sind mit Sensor, Ambient, Peer-to-Peer, Mobile, Ad-hoc,... betitelt. Ansonsten findet man die üblichen Verdächtigen wie etwa "Dienstgüte" - sozusagen Business as Usual. In der genannten Dienstgütesitzung ist ein Beitrag aus Ilmenau annonciert, der schon deshalb interessant zu werden verspricht, weil sein Titel "A Transparent QoS aware Mobility Management" ziemlich phantasielos mit "T-QoMIFA" abgekürzt wurde, wobei sich mir das große "I" nur mühsam erschließt und das große "FA" schon gar nicht; vielleicht heißt es "Frisch Ans Werk" oder so. Seit Goethes allzu frühem Ableben scheint den Ilmenauern ein wenig die Kreativität abhanden gekommen zu sein. Vielleicht sollten sie einmal eine der wenigen Behausungen in Ilmenau (etwa die Wanderhütte am Fuße des berühmten Kickelhahns) aufsuchen, die per Plakette stolz verkünden: "Hier schlief Goethe nicht!". Dabei kann es aber doch auch der Osten weniger langweilig: Ein neu eingerichtetes Graduiertenkolleg in Rostock hat nämlich die wunderschöne Abkürzung "dIEM oSiRiS" und das steht für (man beachte die listige Groß- bzw. Kleinschreibung einzelner Komponenten) "die Integrative Entwicklung von Modellierungs- und Simulationsmethoden für Regenerative Systeme". Ist das nicht eine sehr originelle Kombination von lateinisch und ägyptisch, vielleicht die erste solche Verbindung seit Cäsar und Kleopatra"? Also wirklich: Alle Anerkennung! Hoffentlich werden die Stipendiaten des Kollegs vergleichbar exzellente Forschungsleistungen erbringen.

Ansonsten wirkt das KiVS-Programm so betulich wie eh und je. Große Scharen von industriellen Anwendern dürften sich damit nur schwerlich locken lassen, aber vielleicht liege ich mit dieser Vermutung ja auch gründlich daneben. Am besten - mit einigem Abstand - im Programm gefällt mir das ausgezeichnet gelungene Logo der Universität Bern, also ub mit der erklärenden Fußnote für den Exponenten "b". Da hat doch wirklich ein guter Designer einen genialen Einfall gehabt.

Der silicon.de Event-Kalender für die wichtigsten (sic!) IT-Events im Frühjahr 2007 nennt die folgenden zu KiVS zeitnahen Großereignisse: DOAG SPECIAL INTEREST GROUP (SIG) ORACLE TEXT / INTERMEDIA, 22. Februar, InterCityHotel Airport, Frankfurt. TAGUNG IT-CONTROLLING, 22.+23. Februar, Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg, Sankt Augustin. DATA MANAGEMENT KONGRESS 2007, 26. Februar-01. März, Dorint Kongress Hotel, Köln. CATALOGDAYS 26. Februar-01. März, Düsseldorf, Frankfurt, Stuttgart, München. Die KiVS wird schlicht und ergreifend totgeschwiegen. Also ich kann mir nicht helfen: Wir machen da offensichtlich etwas falsch!


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton