Alois Potton hat das Wort [Nr. : 60, 6/2007 ]


 

Die Initiativstrafe und andere Gemeinheiten

 

Eines der wenigen Überbleibsel aus der ehemaligen DDR ist die "Initiativstrafe". Ansonsten ist ja fast nichts geblieben außer dem Sandmännchen, dem Ampelmännchen, dem grünen Pfeil und der Wortschöpfung O-Saft (vielleicht meinetwegen noch „Plaste und Elaste“, aber auch das ist schon grenzwertig, weil beinahe ausgestorben). Übrigens: Woran kann man sprachlich einen Ossi eindeutig von einem Wessi unterscheiden? Zwei Antworten (die erste wurde mir zugetragen, die zweite ist meine eigene Entdeckung): Antwort 1 lautet: Wenn jemand „auf dieser Strecke“ sagt, ist es ein Ossi oder eine Ossi-in. Antwort 2 ist subtiler, will ich mal als Eigenlob behaupten: Wenn jemand ein Vorhaben beschreibt und dabei das Wort „Zielsetzung“ in den Mund nimmt, ist es ein Wessi; sagt er oder sie aber „Zielstellung“, ist es garantiert jemand aus dem Osten. Das habe ich schon x-mal getestet – und ich bitte Sie herzlich, es selbst zu überprüfen. Sie werden sehen oder hören, dass die Aussage richtig ist. Was wieder einmal zeigt, dass es bis zum wirklichen Zusammenwachsen von West und Ost noch seine Zeit brauchen wird.

Aber zurück zur Initiativstrafe. Was ist das? Ganz einfach: Sie sitzen in einer Arbeitsgruppe, die ein schwieriges Problem behandelt, aber irgendwie nicht richtig weiter kommt. Plötzlich haben Sie einen Geistesblitz und können wieder einmal Ihren Mund nicht halten. Sie sagen also: „Sollte man nicht ... eine Unterarbeitsgruppe einrichten ... oder die statistischen Daten der Jahre 2001-2005 auf irgendwelche Auffälligkeiten überprüfen ... oder oder oder“. Kaum haben Sie diesen unglückseligen Vorschlag gemacht, bereuen Sie ihn auch schon, denn postwendend haben Sie den Auftrag zur Umsetzung der von Ihnen vorgeschlagenen Initiative an der Backe. Da das natürlich viel zusätzliche Arbeit ohne Ehr’ und Dank (siehe weiter unten) und somit die gerechte Bestrafung für naiv-vorlautes Verhalten ist, spricht man (oder sprach man im DDR-Jargon) von Initiativstrafe. Im Westen kennt man solches in abgewandelter Form vom Skatspiel, wo auf die Frage, wer denn die Karten für das nächste Spiel zu mischen habe, zurückgeraunzt wird: „Immer die Sau, die grunzt“.

 

Lose gekoppelt mit der Initiativstrafe ist die Demotivation, die auch den Engagiertesten nach einiger Zeit unweigerlich trifft. Typisch dafür ist folgender Ablauf: Sie arbeiten in einem großen Team intensiv an einer für Ihr Unternehmen ziemlich wichtigen oder gar kriegsentscheidenden Thematik mit und opfern dafür viele Samstage und Sonntage Ihrer karg bemessenen Freizeit – das alles natürlich ehrenamtlich. Und die genannten Mühen nehmen Sie zunächst mit Freude auf sich, denn allein die Teilnahme an diesem Arbeitsteam ist eine Auszeichnung. Es besteht nämlich bestenfalls aus 10 Prozent aller Mitarbeiter des Unternehmens, dem Sie angehören. Als kleine Entschädigung für Ihre freiwillig geleistete Arbeit erwarten Sie zumindest eine namentliche Erwähnung in der umfangreichen Abschlussdokumentation, um Ihre(n) Lebenspartner(in) posthum zu beeindrucken oder für die verminderte samstägliche und sonntägliche Lebensqualität zu entschädigen (wobei es durchaus zweifelhaft ist, ob eine solche Nennung von Ihrem Partner / Ihrer Partnerin als angemessene „Entschädigung“ akzeptiert wird). Aber was passiert: Kurz vor Abschluss der ganzen Sache werden die über den aktuellen Zustand informierenden Umläufe oder Emails seltsamerweise spärlicher und wenn Sie das Abschlussdokument erhalten, stellen Sie fest, dass darin nicht alle Namen aus dem beteiligten Zehntel der Mitarbeiter aufgeführt sind, sondern weniger, vielleicht nur noch ein Fünfzehntel. [Und ein Fünfzehntel ist ja weniger als ein Zehntel, auch wenn Horst Szymaniak meinen würde, es sei mehr. Szymaniak war der erste deutsche Fußballprofi in Italien. Er kickte in Catania zu einer Zeit, wo diese Stadt und ihr Fußballclub noch nicht durch Hooliganexzesse traurige Berühmtheit erlangt hatten. Originalzitat von Szymaniak, als ihm ein neuer Vertrag mit um ein Drittel höheren Bezügen angeboten wurde: „Kommt nicht in Frage, unter einem Viertel tue ich es nicht“]. Aber in der Fünfzehntelliste Ihres Unternehmens kommt natürlich Ihr eigener Name nicht mehr vor. Stattdessen sind andere Namen drin, die Ihnen meistens unbekannt sind, aber leider auch der Ihnen sehr wohl bekannte kollegiale Intimfeind, der nachweislich keinen einzigen Buchstaben zu diesem Machwerk beigetragen hat und der nicht einen einzigen Samstag oder Sonntag für ganztägige Klausursitzungen geopfert hat. Mehr als nur frustrierend ist so was. Und das Ärgerlichste ist, dass es im ganzen Unternehmen niemand gibt, der die Verantwortung für diesen Namensaustausch zu übernehmen bereit ist. Das einzige, was Sie vielleicht auf Nachfrage in Erfahrung bringen können, ist die spröde Feststellung, dass ja nicht nur Sie allein rausgenommen worden seien, sondern dass man insgesamt gesehen die Zahl der Namen habe verringern müssen. Auf welche Weise und warum Ihr Kollege Intimfeind in die Liste reingerutscht sei, das wisse man auch nicht. Man wolle sich aber schlau machen und sich wieder melden (was garantiert nicht passieren wird). Zu ändern sei es jetzt leider nicht mehr – aber die Rausnahme dürfe nun wirklich keineswegs als Zeichen mangelnder Wertschätzung aufgefasst werden blablabla.

Es darf als gesichert gelten, dass Vorgänge wie der geschilderte jeden von uns ab und zu mit voller Wucht treffen. Wenn die Häufigkeit solcher Ereignisse und damit der Level an Demotivation allzu hoch wird, dann bleibt nur der Rückzug in die so genannte innere Emigration, der häufig durch die äußere Emigration in die Datscha realisiert wird. Und damit schließt sich der Kreis dieser Kolumne: Die Datscha oder die Datsche ist ein weiteres Relikt der DDR-Sprache (aus dem Russischen entlehnt). Bekanntlich haben die zahllosen Datschen-Rückzüge die DDR zum Einsturz gebracht. Unternehmen, die Ihre Mitarbeiter so behandeln wie oben beschrieben, könnte es schnell ähnlich ergehen.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton