Alois Potton hat das Wort [Nr. : 61, 9/2007 ]


 

Genderwahnsinn

 

Es ist noch nicht allzu lange her, da habe ich Gender für einen Flugplatz in Neufundland gehalten: weit weg, nur zum Auftanken, bedeutungslos, kein Thema. Diese Unkenntnis ist vatersbedingt. Denn dieser hatte die fixe Idee, mein Berufsziel müsse es sein, um den Altar zu turnen. Und er hatte mir zur Förderung dieses hoffnungslosen Unterfangens ein altsprachliches Gymnasium verordnet. Dort wurde ich dann mit Latein, Griechisch und auch mit etwas Hebräisch traktiert. Englisch galt als unfein und kam deshalb nicht vor. Als Folge davon kann ich heute (horribile dictu!) mit diversen lateinischen Floskeln um mich schmeißen – und mutatis mutandis ist mir die griechische Mythologie cum grano salis ebenso vertraut wie der trojanische Krieg. Weshalb ich zum Beispiel weiß, dass im trojanischen Pferd keine Trojaner, sondern Griechen versteckt waren. Und diese Kenntnis unterscheidet mich deutlich von den meisten selbst ernannten Datenschutzmissionaren, die ja das Gegenteil verkünden: „Da sitzt ein Trojaner drin“(??). Aber mit dem Englischen ist es halt so eine Sache: Bereits bei Gender versagt(e) meine Grundkenntnis dieser Sprache ebenso wie bei vielen anderen Begriffen. Z.B. war mir – obwohl bei der RWTH Aachen beschäftigt – das englische Wort CRWTH völlig unbekannt. Wissen Sie eigentlich, lieber Leser, was sich dahinter verbirgt? Wenn nicht, dann fragen Sie Google! Nebenbei bemerkt: Ist es nicht schade, dass man so gut wie keine interessanten Denksportaufgaben mehr stellen kann? Denn jeder findet mit Google sofort die Lösung – und das ist doch langweilig.

Aber zurück zum Gender: Die Lage ist wirklich dramatisch. Weibliche Mitglieder des Lehrkörpers an Hochschulen (insbesondere an technischen solchen) sind ungefähr so häufig wie weiße Räbinnen. Dieses rare Auftreten des weiblichen Geschlechts zieht sich durch bis in die Anfangssemester und führt zu absurden Auswüchsen wie etwa dem folgenden: Wenn ein Hörsaal, in dem eine Maschinenbauvorlesung stattfindet, von einem weiblichen Wesen betreten wird, beginnt die gesamte männliche Meute zu johlen und zu pfeifen. Bei solchem Spießrutenlaufen bzw. -pfeifen fragt man sich ernsthaft, wo denn in den nächsten Jahren der professorale weibliche Nachwuchs herkommen soll. Wobei noch erschwerend hinzukommt, dass der Anteil von Frauen traditionell immer kleiner wird, je besser die Position bewertet und dotiert ist.

Was also tun, um ein annähernd gleiches Verhältnis auf möglichst allen Ebenen der Beschäftigungspyramide zu erreichen? Unsere oberste Heeresleitung hat sich dazu eine neue Strategie einfallen lassen: Sie verpflichtet uns, bei allen Ausschreibungen gezielt weibliche Kandidaten anzusprechen und Bewerbungen von weiblichen Personen sehr wohlwollend zu prüfen. Außerdem wird angedroht, alle Vorschläge zur Stellenbesetzung zu blockieren, wenn diese „männlich“ sind. Dieser Ukas treibt seltsame Blüten, zumindest kostet er Zeit, wie das folgende (wirklich wahre!) Beispiel zeigt: Bei einer kürzlich erfolgten Ausschreibung hatten wir wie leider üblich einen großen Mangel an Bewerbungen von Frauen zu verzeichnen (wo sollten sie auch herkommen, wenn es – siehe oben – keine Absolventinnen gibt?). Eine der Bewerbungen wurde vom Dekanat aber in Fettdruck als von einer Frau stammend gekennzeichnet, um die Kommission zu ganz besonderer Aufmerksamkeit zu zwingen. Diese Markierung erfolgte in der Annahme, dass ein „e“ am Ende des Vornamens auf eine Frau hindeute – wie eben bei Ilse, Inge und Irene (obwohl Uwe und Helge ja Gegenbeispiele für die Allgemeingültigkeit dieser These sind). Die Nichtangabe von Geburtsdatum sowie großer Teile des Lebenslaufs und der Verzicht auf ein Passfoto schien für uns Machos in der Kommission ebenfalls mehr auf eine Kandidatin als auf einen Kandidaten hinzudeuten. Die insgesamt sehr kargen Unterlagen gaben zu wenig Hoffnung Anlass und eigentlich hätte man(n) die Bewerbung recht schnell zur Seite legen können, wenn da nicht jener Gender-Ukas gewesen wäre. Also wurde sehr lange hin und her diskutiert, ob man denn nicht.... Bis dann jemand auf die Idee kam, die private Telefonnummer der Bewerberin (des Bewerbers?) anzurufen – und zwar um 11 Uhr morgens in der Hoffnung, dass sie (er?) einen Anrufbeantworter besäße. Und in der Tat, der AB sprang an und klärte die Sache auf das Eindeutigste zu Ungunsten der Vermutung, der Bewerber sei weiblich.

 

Übrigens wehren sich die wenigen weiblichen professoralen Mitglieder unserer Fakultät aufs Entschiedenste gegen jegliche unterschiedliche Behandlung der beiden Geschlechter. Na klar: unsere Professorinnen sind ja was geworden – und zwar ohne von einer Sonderbehandlung profitiert zu haben. Und sie fürchten völlig zu Recht, dass ein Schatten auf ihre Reputation fallen könnte, wenn auch nur der geringste Verdacht aufkäme, dass Geschlechtsgenossinnen von einem echten oder auch nur von einem fiktiven Bonus bzgl. Genderproporz profitiert hätten.

Wenn der Genderwahnsinn weiter Schule macht, dann muss ich, obwohl ich eigentlich schon aus den Wechseljahren heraus bin, ernsthaft darüber nachdenken, mich in Aloysia umzubenennen. Allein die pure Vorstellung einer solchen Aktion schüttelt mich schon. Und deshalb habe ich mich an einigen Schüttelreimen versucht (das ist schwerer als man denkt, probieren Sie es doch selbst einmal!). Das Ergebnis ist schüttelreim¬technisch vielleicht nicht absolut hasenrein, aber doch fast. Hier ist es (zur vorletzten Zeile: „der“ ist Dativartikel – rettet dem Dativ – von „die Hochschule“ aus der drittletzten Zeile):

Aus Stellenangeboten quillt
ein düst’res Frauenquotenbild.
Damit steht’s auch in Aachen schlecht.
Man sollt’ euch dafür schlaachen, echt!
Es weiß schon der gemeine Kenner:
Von nun an gilt "bloß keine Männer".
Männerwahl’n bedingen Dramen.
Wir suchen deshalb dringend Damen.
Es tönt durch alle Ländergassen:
"Ihr sollt niemals vom Gender lassen".
Der Sachverstand wird stummgeschaltet,
die Hochschule wird umgestaltet.
Mich würd’ es wundern, wenn der gut
bekäm’ die neue Genderwut.




In diesem Sinne
Ihr Alois Potton