Alois Potton hat das Wort [Nr. : 63, 03/2008 ]


 

Google-Scholarismus

 

Eine mehr als ärgerliche Seuche hat sich ausgebreitet, seitdem Google seinen „Scholar“ eingeführt hat. Man kann sie als „scholastica googelensis“ bezeichnen und es ist eine sehr gefährliche Krankheit. Sie führt nämlich zur Linearisierung aller Menschen und damit zu scheinbar perfekter Anordnung und zu einer biltzschnellen (aber vorschnellen!) vergleichenden Bewertung verschiedener Kandidaten. Es ist ebenso überraschend wie ärgerlich, dass von dieser Krankheit vorzugsweise unsere theorieorientierten Kollegen befallen werden, denen doch sonst kein Baum zu unendlich, kein Modell zu checkbedürftig, kein Automat zu unsinnig bzw. zu abstrus, kein Klapparatismus zu weltabgewandt ist. Gerade diese Kerle sind gläubige Anhänger des durch Google Scholar hervorgerufenen Linearisierungsvorgangs.

Der typische Ausbruch der Krankheit ist wie folgt: Man sitzt in einer Kommission und diskutiert über eine größere Zahl von Bewerbungen für eine vakante Stelle. Natürlich sind die Bewerber/innen sehr verschieden bzgl. der unterschiedlichsten Parameter und ein Trader hätte die größten Schwierigkeiten, das bestgeeignetste „Angebot“ herauszufinden. Wesentlich leichter ist das nun für den Google-Scholaristen geworden. Er gibt einfach den Namen der Kandidatin / des Kandidaten in Google Scholar ein und erhält eine Zahl zurück. Diese Zahl ist für ihn das Maß aller Dinge (sozusagen eine conditio sine qua non, um nochmals mit meinem großen Latinum zu kokettieren). Sein Entscheidungsprozess und seine künftige Taktik sind ebenso strikt wie banal. Er argumentiert nämlich ganz einfach so: „Höherer Wert bei Google Scholar“ = „bessere Eignung“; Punkt aus, finito, keine weitere Diskussion mehr erlaubt!

Es ist wie gesagt traurig, dass ausgerechnet unsere Theoretiker, denen ansonsten alles unterhalb exponentieller Komplexität zu gering und zu unwürdig ist, diesem Linearisierungswahn erlegen sind. Ist aber vielleicht auch verständlich, denn diese Typen waren ja schon immer beliebig weltfremd.

Man könnte über diese Linearisierungsmanie großzügig hinwegsehen, aber die Krankheit breitet sich aus und beginnt langsam gefährliche Züge anzunehmen. Das kann durch diverse Indizien belegt werden, die zu großer Sorge Anlass geben:

1. Bei der Beurteilung von Dagstuhl-Seminaranträgen ging es bisher neben den wissenschaftlichen Zielen der hochkarätigen Seminare vor allem auch um das „Standing“ der Organisatoren: Sind diese Namen attraktiv genug, um die Crème de la Crème der internationalen Community für eine Woche nach Dagstuhl zu locken, wo sich ja bekanntlich Fuchs und Hase gute Nacht sagen? Diese Problematik wurde in den vergangenen Jahren immer sehr seriös diskutiert (und wird es auch noch!), aber bei der letzten Sitzung des wissenschaftlichen Direktoriums von Schloss Dagstuhl kam einer der dortigen Mitarbeiter – frisch befallen vom Google-Scholar-Virus – auf das schmale Brett, ein eindimensionales Ranking der Organisatoren aller Seminare anzufertigen. Dabei standen natürlich die großmächtigen Theoretiker vorne, weil sie die meisten unsinnigen Veröffentlichungen haben und sich mit List und Tücke auch gern gegenseitig zitieren (all das treibt den Scholar-Index nach oben). Es gab dann im Direktorium trotzdem noch einige Verständige (der Autor dieser Zeilen behauptet von sich, zu diesen gehört zu haben), die dem Unsinn der Seminarauswahl allein auf Basis der Google-Scholar-Werte Einhalt geboten haben. Trotzdem: Wehret den Anfängen! Es sind ganz bedenkliche Tendenzen zu erkennen.

 

2. Ein Mensch, der Karriere machen will, muss den Scholar-Zirkus mitmachen, auch wenn es ihm überhaupt nicht in den Kram passt. Es muss mit den Wölfen geheult werden. Zu diesem Zweck muss der Mensch so viel veröffentlichen wie nur irgendwie möglich (publish or perish!) – und sei es auch der blanke Unsinn. Er muss seine Publikationszahl durch Einreichen desselben Pofels bei verschiedenen Konferenzen und durch geschickte Variation von Titel, Kurzfassung bzw. durch trickreiche Unstellung und Umformulierung von diversen Abschnitten seines Machwerks quasi ins Unermessliche steigern. Sofern der Mensch eine Reihe von Untertanen hat (wenn er also zum Beispiel Lehrstuhlinhaber ist), dann wird er sich gnadenlos auf jede Publikation seiner Sklavinnen und seiner Sklaven mit draufschreiben. Auf diese Weise kann er die Zahl seiner Veröffentlichungen ins Unermessliche steigern, bis hin zu lächerlich hohen Werten, die größer sind als eine Publikation pro Arbeitstag oder gar pro Kalendertag. Lachen Sie jetzt bitte nicht: Solches ist bei uns in der Biologie vorgekommen! Der Mensch ist außerdem gehalten, sich ggf. abweichend von der alphabetischen Ordnung als erster von mehreren Autoren zu platzieren – selbst dann, wenn sein einziger Beitrag zum Artikel die Anfertigung seiner Unterschrift war. Als Herrscher über seine Sklav(inn)en kann er ja auch diese Umordnung der Reihenfolge diktatorisch durchsetzen. Noch schlauer ist der Mensch natürlich, wenn er sich – falls er alphabetisch benachteiligt ist – den zwar kostenträchtigen, aber sehr nützlichen, Luxus einer Namensänderung leistet. Also wenn er sich z.B. von „Zubi“ in „Azubi“ umbenennt. Auch für solche Aktionen gibt es prominente Beispiele. Erfreulicherweise ist Martina Zitterbart dieser Manie noch nicht erlegen und ich wünsche ihr, dass sie solchen Anwandlungen auch künftig widerstehen möge.

Diese Kolumne von „Alois“ (die laufende Nummer 63) ist etwas kurz geraten, um dem geneigten Leser – so es denn einen gibt – die Chance zu geben, sich selbst im Google Scholar wiederzufinden (oder auch nicht). Möge er gegen diesen Dreck resistent oder immun sein! Alois jedenfalls bereitet sich auf das Binärjubiläum (Nr. 64) vor, zumal dieses mit Sicherheit das letzte erreichbare solche Jubiläum sein wird, denn bei Nr. 128 wird es entweder die PIK oder Alois nicht mehr geben.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton