Alois Potton hat das Wort [Nr. : 64, 06/2008 ]


 

Suchmaschinen und wie man sie überlistet

 

Es gibt wohl kaum jemanden, der nicht von Suchmaschinen fasziniert wäre. Kann man doch mit diesen Werkzeugen eine ungeahnte Menge von mehr oder weniger nützlichen Informationen erhalten. Ob diese immer absolut zuverlässig sind, mag zwar dahingestellt bleiben. Aber da man sich jede Auskunft im Regelfall aus zig verschiedenen Quellen besorgen kann, besteht gute Hoffnung, dass sich durch statistische Mittelung ein hoher Zuverlässigkeitsgrad herausbildet. Viele lang dauernde und nicht selten in böse Feindschaft mündende Stammtischdebatten lassen sich so vermeiden. Zum Beispiel kamen wir neulich bei einem Kolloquiumstee zufällig auf die Frage, wem denn die sprichwörtlich gewordene Formulierung „wenn hinten weit in der Türkei...“ zu verdanken sei. Schnell konvergierten wir zur (richtigen) Meinung, der Autor müsse der unvermeidliche Goethe sein, aber die meisten von uns glaubten, das Zitat sei aus „Hermann und Dorothea“. Diese Mehrheit, zu der auch ich gehörte, musste sich aber via Google überzeugen lassen, dass die Zitatstelle aus „Faust I“ stammt und folgendermaßen lautet:

"Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen".

Damit war dann alles geklärt - inklusive merkwürdiger Wortgebilde wie "Bessers" und fragwürdiger Kommasetzungen, welche für sich allein bereits eine Stammtischrunde über mehrere Stunden hinweg beschäftigen könnten.

So weit zu den Segnungen der Suchmaschinen. Aber aus ganz ähnlichen Gründen wie den genannten können diese Biester auch sehr gefährlich sein. Das wurde mir kürzlich wieder bewusst, als ich nämlich eine Bewerbung aus fernen Landen erhielt (möglicherweise zusammen mit 128 weiteren Adressaten; auch das ist so ein Fluch der elektronischen Post). Die zugehörige Nachricht begann wie üblich mit „Dear Sir/Madam“ und besagte, der Absender habe eine DAAD-Förderung erhalten – oder stehe jedenfalls kurz davor. Jetzt brauche er nur noch die Bestätigung der „weltberühmten Institution“ [ ;-) ], bei der er sich soeben zu bewerben gewagt habe. Er lege zum Beweis seiner Fachkompetenz ein auf drei Seiten skizziertes Forschungsvorhaben bei. Auf diesem Gebiet möchte er unter meiner Anleitung promovieren.

Nicht wenig geschmeichelt durch diese Lobeshymnen überreichte ich die Forschungsskizze, weil ich selbst gerade keine Lust auf eine intensivere Prüfung hatte, einem Mitarbeiter, der vor nicht allzu langer Zeit ein Seminar zu ähnlichen Fragen betreut hatte. Es dauerte nicht lange und der Mitarbeiter kam zurück mit der Botschaft, der Bewerber habe die drei Textseiten mit Ausnahme von gerade mal fünf vergleichsweise unwichtigen Zeilen wörtlich aus einer Bachelorarbeit sowie aus einem anderen Bericht abgekupfert. Zum Beweis legte er mir die betreffenden Passagen zusammen mit den zugehörigen Stellen aus der Vorhabensbeschreibung vor. Er sagte mir noch, die Eingabe einer sehr geringen Zahl auffällig scheinender Passagen in eine Suchmaschine sei ausreichend, um copy-and-paste-verdächtige Arbeiten eindeutig als solche zu enttarnen.

 

Das ist nun tatsächlich für gewisse Kreise ein schöner Mist (z.B. für Hannoveraner Jura-Professoren, die mit Hilfe von Promotionsagenturen und für eine nicht unbeträchtliche Bargeldsumme höhere Weihen versprechen): Suchmaschinen scheinen nämlich zu verhindern, dass man Bachelor-, Diplom- und Masterarbeiten sowie Dissertationen aus diversen Literaturquellen zusammenzimmert. Aber gemach: Hannoveraner Praktiken funktionieren trotzdem, denn Suchmaschinen sind gegen hinreichend geschickte betrügerische Aktionen hilflos. Warum ist das so bzw. wie kann man ungestraft fremde Resultate als seine eigenen ausgeben?

Die Antwort (zur Nachahmung nur bedingt empfohlen): Voraussetzung für den Erfolg solcher Aktionen ist, dass man sich auf Manuskripte beschränkt, die weder in deutscher noch in englischer Sprache verfasst wurden. Diese Arbeiten sind zu leicht zugänglich. Auf einer halbwegs sicheren Seite ist man dagegen, wenn man des Portugiesischen einigermaßen mächtig ist und sich auf die Suche nach einer Dissertation begibt, die in Brasilien, Angola, Mozambique oder Timor Leste entstanden ist. Nachdem man ein passendes Werk gefunden und übersetzt hat, wird das Ergebnis von keiner Suchmaschine mehr dem Originalautor zugeordnet werden können. Zur weiteren Absicherung kann man noch die Abfolge einzelner Kapitelchen umstellen, gezielte Weglassungen vornehmen usw. Die meisten in Frage kommenden Arbeiten sind sowieso deutlich zu umfangreich. Bei der Übernahme von Formeln muss man allerdings aufpassen, denn diese sehen in portugiesischer Sprache genauso aus wie in englisch oder in deutsch. Deshalb empfiehlt es sich, die Parameter der Formeln umzubenennen (oder gleich auf Arbeiten zu verzichten, die irgendwelche Formelwerke enthalten; denn diese sind bekanntlich sowieso nicht praxisrelevant). Weitere Probleme entstehen durch Kurvenzusammenhänge. Falls diese simulativ ermittelt wurden, kann man den wahren Erzeuger durch moderate Änderungen unkenntlich machen, denn niemand wird Simulationsergebnisse reproduzieren wollen oder können. Andere Kurven können durch Änderung der Skalierung (z.B. logarithmische statt lineare Darstellung der y-Achse) hinreichend verfremdet werden. Letztlich ist natürlich darauf zu achten, dass nicht zu viele lokale Referenzen verbleiben, z.B. auf Schriften der Universität Maputo, wenn Sie die Arbeit von einem Autor aus Mozambique geklaut haben sollten. Auf solche Zitate muss man deshalb entweder verzichten oder sie durch unverfängliche andere ersetzen.

Diese konkreten Maßnahmen sollten Sie überzeugt haben, dass und wie ein gutes Manuskript (das aber aus ersichtlichen Gründen wiederum nicht allzu gut sein darf) geeignet modifiziert und als eigenes Werk ausgegeben werden kann. Solche Praktiken funktionieren fast immer, allerdings nicht für "Alois Potton". Der geneigte Leser möge seine eigenen Schlüsse daraus ziehen.




In diesem Sinne
Ihr Alois Potton