Alois Potton hat das Wort [Nr. : 65, 09/2008 ]


 

TPC’s mit und ohne Geräuschbelästigung

 

TPC: Für mich ist das nicht etwa "The Pension Consultancy", der "Teen Prayer Congress" oder der "Tournament Players Club" bzw. eine andere Dechiffrierungen dieses Dreibuchstabenkürzels, die Google als eine der 100 häufigsten Erklärungen anbietet. Nein, ein TPC ist eine unverzichtbare Komponente jeder größeren Veranstaltung und heißt ausgeschrieben „Technical Program(me) Committee“. Dabei steht „Technical“ im Gegensatz zu „Organisational“, was bedeuten soll, dass dieses Gremium sich um den inhaltlichen Ablauf der Veranstaltung kümmern soll, nicht aber um das Rahmenprogramm oder um die Kaffeepausen oder um Finanzierung und Ausrichtung des Victory Dinners. Interessanterweise wird lange vor einer Tagung bereits ein „Victory Dinner“ für die (wenigen) anwesenden TPC-Mitglieder angesetzt. Von einem „Disaster Lunch“ habe ich dagegen noch nie etwas gehört, obwohl doch das Ergebnis (also ob die Sache nun zu einem Erfolg oder zu einer Katastrophe geraten ist) keineswegs von vornherein feststeht.

TPCs größerer Veranstaltungen haben einige stets wiederkehrende Charakteristika: Erstens sind sie umfangreich, denn jede(r) " der/die was auf sich hält - will oder muss dazugehören, auch wenn er/sie wenig Zeit dafür investieren will oder kann. Zweitens sind TPC-Mitglieder typischerweise genau so eitel wie Stargäste bei Gottschalks „Wetten dass“, die ihre Eitelkeit dadurch zeigen, dass sie nach der kostenlosen oder sogar bezahlten Werbung für ihr neuestes Filmchen höchstens noch drei Minuten lang bleiben; wer länger auf der Couch verweilt, der ist weder Star noch Sternchen. In entsprechender Weise gilt solches auch für TPC’s: Wer als TPC-Mitglied höchstpersönlich zur Tagung erscheint, der gilt als subaltern oder als debil. Bei der Networking 2008 in Singapur waren von deutlich über 150 TPC-Mitgliedern und sonstigen Offiziellen gerade mal drei anwesend – und auch die nicht über die gesamte Zeit. Meiner Beobachtung zufolge schwankt die Zahl der teilnehmenden Offiziellen (also TPC-Angehörige + sonstige Delegierte) zwischen 1,958 und 3,471 Prozent der Gesamtzahl der üblichen Verdächtigen. Dabei sollte die Exaktheit dieser Prozentzahlen nicht allzu viel Verwunderung auslösen, denn das ist ganz einfach die Übertragung der gängigen Praxis, wonach auf zweifelhaftem Wege gewonnene Ergebnisse (z.B. aus Simulationen stammende solche) mit mindestens acht Nachkommastellen angegeben werden, auch wenn durch die vereinfachenden – und nicht selten sogar sogar völlig unrealistischen - Modellannahmen, die bei der Herleitung dieser „Resultate“ Pate standen, die Größenordnung des Fehlers bei mindestens 25 Prozent liegen dürfte. Offenbar soll durch die vom Rechner kostenfrei gelieferte und dann kommentarlos weitergegebene große Zahl an Hinterkommastellen eine besonders hohe, wenngleich trügerische, Seriosität der Ergebnisse vorgegaukelt werden. Auf der erwähnten Networking-Konferenz versuchte einer der Referenten mit einem Messergebnis „bis zu 6,91 MB“ (waren es Megabits oder Megabytes, who knows?) zu glänzen. Ich machte in der anschließenden Diskussionsrunde die - ironisch gemeinte - Bemerkung, dass ich „bis zu 6,91 MB“ doch stark in Zweifel zöge, denn es seien wohl „bestenfalls 6,89 MB“ möglich. Wie beinahe zu erwarten war, stellte sich dabei allerdings heraus, dass der (asiatische) Vortragende dieser vermeintlichen Ironie gegenüber völlig unempfänglich war.

 

Übrigens gibt es auch einen ganz ähnlichen Effekt, nämlich eine merkwürdige Unsicherheit bzgl. einer exakten Zahl. So fand ich neulich in einem Reiseführer folgenden Hinweis: "The Chulalongkorn university has approximately 27.236 students" (was natürlich in der Tat nur eine ungefähre Schätzung ist, denn eine/einer von diesen 27.236 Glücklichen könnte ja seit Erscheinen des Reiseführers überfahren oder exmatrikuliert worden sein).

Zurück zum typischen TPC-Mitglied und seiner Reserviertheit bzgl. Teilnahme an der von ihm/ihr doch maßgeblich mitgestalteten Veranstaltung. Hauptgrund für sein/ihr Fehlen ist natürlich(!) seine/ihre vorgeschützte oder reale zeitliche Überlastung. Ein zweiter und zunehmend wichtiger werdender Grund kann aber auch als „lästige Störung“ umschrieben werden und ist inzwischen auf praktisch allen Konferenzen zu beobachten: Es ist beinahe schon Tradition, dass die parallelen Sitzungen nur von einer knapp zweistelligen Zahl von Leuten besucht werden, die man nicht mehr im eigentlichen Sinne als Zuhörer, sondern eher als Stuhlwärmer bezeichnen sollte. Mindestens zwei Drittel der Anwesenden haben nämlich nichts Besseres zu tun als auf ihrem Laptop Emails zu lesen oder zu beantworten bzw. aktuelle Nachrichten oder Börsenkurse zu verfolgen. Die vom Vortragenden abgesonderten Schallwellen gehen daher unbemerkt an einem Großteil der wenigen Teilnehmer vorbei ins Nirwana. Genau betrachtet ist daher der Vortrag nur wenig mehr als eine Geräuschbelästigung für den Stuhlwärmer bei seinen Laptop-Aktivitäten. Es wäre vielleicht anzuraten, die anlässlich einer Tagung gehaltenen Referate auf die Folien zu beschränken und die Vortragenden ebenso wie den Sitzungsleiter zur Verwendung der Gebärdensprache zu ermutigen. Andernfalls braucht man wegen dieser störenden Geräuschkulisse auf die Teilnahme des TPC-Mitglieds nicht mehr zu hoffen.

Wie schon Wilhelm Busch zu sagen pflegte (wobei ich mir erlaube, den ...zig unterschiedlichen Versionen des Originalzitats eine weitere hinzuzufügen):

"Der Vortrag wird als mies empfunden,
weil meist er mit Geräusch verbunden".

 




In diesem Sinne
Ihr Alois Potton