Alois Potton hat das Wort [Nr. : 66, 12/2008 ]


 

Alois im Lande der Noshownen

 

Für diese Kolumne muss ich etwas weiter ausholen und zwar bis hin zu Karl May. Ein gar seltsamer Schriftsteller ist/war das: Zuerst verschlingt man seine zahlreichen Pamphlete geradezu, und dann wird er im Laufe der Zeit so gut wie unlesbar. Es ist mir mittlerweile unverständlich, wieso mich seine missionarischen Ausführungen über die Vorzüge des Christentums und über die Schlechtigkeit der Siouxindianer in Kindheit und Jugend dermaßen begeistern konnten. Heute finde ich Karl Mays Werke einfach nur noch widerwärtig. Das ist ein wirklich merkwürdiges Phänomen, mit dem ich aber keineswegs allein stehe.

Beim Schlagwort Sioux bin ich aber schon fast beim Thema. In der Schwarzweiß-Sicht von Karl May sind die Angehörigen dieses Stammes (vor allem aber die Ogallalah und die Kiowa) ausnahmslos und immer böse, wohingegen die Mescalero-Apatschen und in Sonderheit deren Häuptling Winnetou permanent edel und moralisch hochstehend sind. Der als Sioux geborene Indianer hat Pech gehabt: Er ist böse und muss als Fluch dieser bösen Tat (für die er nicht einmal etwas konnte!) fortwährend Böses gebären. Freier Wille für den Sioux: leider Fehlanzeige! Da kann er schon lieber gleich sündigen, was ggf. vielleicht wiederum als Vorteil anzusehen ist. Aber solche Gedanken führen uns dann doch zu sehr ins Philosophische oder gar ins Defaitistische, also lassen wir das lieber.

Zu den zahlreichen Rothäuten in Winnetous Umfeld gehören auch die Schoschonen. Das allmächtige Wikipedia weiß von ihnen zu berichten, dass sie ehrenhaft sind (und das natürlich stets und überall – denn ebenso wie den Siouxindianern wird ihnen von Karl May durchgängig dasselbe Verhalten zusammen mit ihrer Stammeszugehörigkeit in die Wiege gelegt). Laut Wikipedia gilt, dass trotz der einen oder anderen Auseinandersetzung sich Old Shatterhand und Winnetou auf die Schoschonen verlassen können. In Karl Mays Werken werden nicht weniger als zehn Schoschonen namentlich erwähnt – von Tokvi-tey und Moh-aw (beide im „Sohn des Bärenjägers“) über To-ok-uh und Paq-muh (in „Old Surehand I“) bis hin zu Avaht-niah und Wagare-tey (in „Winnetou IV“). Man beachte und bewundere den gewaltigen Ideenreichtum von Karl May, der bekanntlich nie in Amiland war und sich das alles nur zusammenphantasiert hat, in Bezug auf die Erfindung abstruser Namen! Ein anderer Schoschonenhäuptling schimpft sich Avaht-uitsch, was angeblich für “Großes Messer“ steht und schon beinahe lautmalerisch klingt.

Nun sind die Schoschonen wahrscheinlich schon seit vielen Jahrzehnten ausgestorben oder fristen ihr Leben in nicht besonders attraktiven Reservaten. An ihre Stelle ist aber seit etwa einem Jahrzehnt ein neuer Stamm getreten, der sich weltweit stark vermehrt, mit besonders starker Ausprägung in Korea, in Mainland China und in Taiwan. Aber auch in Europa sind Angehörige dieses neuen Stammes keine Seltenheit mehr. Die neuen Indianer werden „Noshownen“ genannt und kommen gehäuft bei Tagungen vor. Eigentlich tritt der Noshowne dadurch auf, dass er nicht auftritt, was ein wunderbares Paradoxon im Sinne von Russells Antinom ist. Für Nichtlogiker: das ist die Sache mit der Menge aller Mengen, die sich nicht als Element enthalten. Oder, um ein einfacheres Beispiel zu geben: „Der Truppenbarbier, der alle Soldaten rasieren muss, die sich nicht selbst rasieren: Muss dieser Barbier sich selbst rasieren oder nicht??“.

 

Der Noshowne ist ein Nassauer, weil er eine Tagungspublikation braucht (bzw. sogar viele solche), aber Zeit und/oder Kosten für die Teilnahme an der Tagung sowie für die mündliche Präsentation scheut. Sein Businessmodell ist recht einfach: Er weiß, dass er sich bei der Konferenz anmelden und den Tagungsbeitrag bezahlen muss, weil sonst sein Manuskript nicht in den Proceedings abgedruckt wird. Deshalb überweist er widerwillig und zähneknirschend die Tagungsgebühr. Auf die persönliche Anwesenheit verzichtet er aber lieber, denn: Flugkosten, Aufenthaltskosten, Jetlag, mehrere Konferenz- und Flugtage, in denen man ein oder gar mehrere weitere Papiere hätte schreiben können, wenn man denn zu Hause geblieben wäre statt sich diesen öden Tagungsort anzutun,… Nimmt man das alles zusammen, dann ist die Nichtteilnahme eine verführerische Alternative vor allem bei weiter Anreise – denkt sich jedenfalls der Noshowne und erliegt dieser Versuchung.

Bleibt natürlich noch die unangenehme Pflicht der Absage und ihrer Begründung, sofern der Noshowne nicht einfach kommentarlos fernbleibt. Manche Noshownen sind da kreativer als andere. Besonders unclever war hier ein gar nicht mal unbekannter (sozusagen im Fokus stehender) Berliner, dem im September 2008 innerhalb von knapp zehn Tagen zweimal die Ausrede „Flugzeug verpasst“ einfiel. Dabei gilt der typische Berliner doch allgemein als recht aufgeweckt! Ich meine nur: Selbst wenn die Ausrede mit dem verpassten Flieger gestimmt haben sollte, dann könnte eventuell grobe Fahrlässigkeit (wegen mehrfach zu knapp kalkulierter Anreisezeit zum Flughafen) oder unwahre Angaben (aufgrund der Häufung derselben Ausrede) unterstellt werden. Daher wäre ein wenig Nachdenken über Ausredenvariationen (z.B. „Teilnahme an einer VOX-Kochshow“) durchaus angebracht gewesen. Aber so schlau sind viele Noshownen nun doch noch nicht.

Der leider allzu früh verstorbene Robert Gernhardt hätte den Noshownen möglicherweise einen seiner herrlichen Indianer-Zweizeiler gewidmet wie etwa:

"Paulus schrieb an die Apatschen:
Ihr sollt nicht nach der Predigt klatschen".

Oder: "Paulus schrieb an die Komantschen:
Erst kommt die Taufe, dann das Plantschen".

Oder gemäß der oben erwähnten Russellschen Antinomie:
"Paulus schrieb den Irokesen:
Euch schreib ich nicht, lernt erst mal lesen".

Mein Nachahmungsversuch (Robert, bitte verzeih´ mir!) lautet:
"Paulus schrieb an die Noshownen:
Ihr sollt Euch bitte nicht mehr klonen".




In diesem Sinne
Ihr Alois Potton