Alois Potton hat das Wort [Nr. : 68, 6/2009 ]


 

Aküfi, die Zweite

 

Diese Kolumne wird mit ein paar ziemlich an den Haaren herbeigezogenen Bemerkungen beginnen (um auf die für eine halbwegs gut gefüllte Seite benötigte Zeichenzahl zu kommen) und dann zum Thema AKÜFI wechseln. AKÜFI = Abkürzungsfimmel, so hieß die erste von inzwischen 68(!) PIK-Potton-Seiten. Nur die wenigsten Leser(innen) werden sich noch an eine so lange zurückliegende Zeit erinnern. Denn seit AKÜFI 1 sind ja mehr als 17 Jahre vergangen, weil die PIK viermal jährlich erscheint und einige wenige Ausgaben ohne die übliche Kolumne blieben. Nach Erscheinen dieser seltenen Ohne-Alois-Potton-PIK-Hefte gab es regelmäßig einen Aufschrei einer größeren Leserschaft, was ein positives Indiz für die Kolumne war. Bei den anderen Heften gab es nichts oder wenig Vergleichbares. Es war eher so als würde man einen Topf Wasser im Sommer bei Timbuktu über einer Wanderdüne verschütten: Genauso rückstandsfrei und spurlos schienen die Kolumnen zu verdampfen. Wenn wenigstens mal jemand einen Leserbrief dazu schriebe... Aber lassen wir das und Sie mich nach diesem Vorgeplänkel auf Umwegen zum Thema Aküfi 2 kommen.

Viele Meinungen haben sich betonfest in den meisten Gehirnen eingegraben – und nicht alle Vermutungen werden durch Tatsachen belegt. Zum Beispiel gilt das Englische gemeinhin als vergleichsweise ähnlich elegant oder unelegant wie die deutsche Sprache. Ein bekanntes (zugegebenermaßen von Mark Twain geklautes) Gegenbeispiel dazu ist das sich gewaltig getösehaft anhörende Wort toothbrush („Tuusbrasch“) im Vergleich zur zahnlosen deutschen Fassung, also „Zahnbürste“. [Man beachte die Finesse mit der „zahnlosen Zahnbürste“]. Aber um nicht nur von-Mark-Twain-Geklautes zu verwenden, kann ich mit einer eigenen Produktion aufwarten: Das Französische wird ja gemeinhin für die (vielleicht abgesehen von Italienischen) flüssigste und verführerischste Sprache gehalten. Aber auch da gibt es Gegenbeispiele, z.B. die Version „l’allbommmm“ für „das (Musik)-Album“. Ich höre dieses Wort sehr häufig auf dem Weg zur Arbeit, wenn ich meinen belgischen Lieblingsoldiesender RTBF Classic 21 einschalte. Übrigens ist Aachen ziemlich sicher die einzige größere Stadt, wo man neben Classic 21 die drei Kultsender A-B-C über Normal-UKW empfangen kann: A = AFN (American Forces Network), B = BFBS (Britisch Forces Broadcasting Service), C = CFN (Canadian Forces Network). Man sieht daran, dass nicht alles schlecht sein muss, was das Militär so mit sich bringt. Und man würde sich sogar noch über mehr Besatzer dieser Art freuen, etwa über einen Sender DFN (Danish Forces Network). Auf RFN oder SFN könnte ich allerdings gern verzichten.

Wo wir aber schon bei Abkürzungen wie AFN, CFN oder so sind, drängt es mich doch, mein Unverständnis bzgl. einiger solcher Kürzel und ihrer Verwendung zum Ausdruck zu bringen. Dabei beziehe ich mich auf Heft 1/09 unserer Zeitschrift PIK, wohl wissend, dass ich dieselben Effekte wohl an ziemlich jedem Heft einer so genannten Fachzeitschrift festmachen könnte. Ich gebe aber gern zu, dass gerade Heft 1/09 sich für meine Zwecke sehr gut anbietet, denn die meisten der dort abgedruckten Artikel sind aus dem Rechenzentrumsumfeld und daher (erwartungsgemäß?) in einer gar seltsamen Gestelztheit geschrieben.

 

In einem der besagten Artikel aus Heft 1/09 wird z.B. der Begriff des IV-Lenkungsausschusses eingeführt und mit „IVL“ abgekürzt. In voller Länge wird besagter IV-Lenkungsausschuss mindestens sechsmal zitiert, die Abkürzung taucht dagegen nur ein einziges Mal auf - in einer Skizze – und dort wäre mehr als reichlich Platz gewesen, um sie voll auszuschreiben. Die Einführung der Abkürzung war also nur der Prahlerei („Leute, seht mal, was wir für Fachleute sind!“) oder der gezielten Verwirrung des Lesers geschuldet, denn eine Abkürzung „rechnet“ sich ja erst dann, wenn durch ihren wiederholten Gebrauch insgesamt weniger Zeichen benötigt werden als ohne das entsprechende Kürzel. Soweit zum Thema „Effizienz“, was ja eine Haupttugend des Informatikers sein sollte. Gegen diese eigentlich evidente Regel wird aber in Heft 1/09 permanent verstoßen. Es hat fast den Anschein als ob die Leute im Rechenzentrum wie auch einige freie Journalisten für ihre Machwerke nach der Anzahl der erzeugten Zeichen entlohnt werden. Im Übrigen sündigen nicht nur PIK-Autoren gegen diese Effizienzthese, denn kürzlich sah ich einen Cartoon, wo ein kleiner Junge verwirrt fragte: „How come that ‚abbreviation’ is such a long word?“.

Das Abkürzungsunwesen scheint immer weiter um sich zu greifen und immer schlimmer zu werden, wie sich an beliebig vielen Beispielen belegen lässt, von denen ich aber aus Platzgründen nur zwei zitieren möchte:

1.  Auf der KiVS 2009 in Kassel gab es ein Referat eines hoffnungsvollen Nachwuchsmitarbeiters zum Thema „Pluggable Authorization and Distributed Enforcement with pam_xamacl“. Nun mag man mich ja der Unkenntnis zeihen und diese für unverzeihlich halten, aber „pam_xamacl“ klingt eher wie der Name eines Maya-Tempels auf Yucatán als dass es irgendeinen nahe liegenden informatischen Bezug hätte.

2.  Als Vorschlag für ein Best Paper anlässlich der Junge-Informatik-Tage 2009 der Gesellschaft für Informatik wurde ein Manuskript eingereicht mit dem Titel „Ein Rahmenwerk für Genetische Algorithmen zur Lösung erweiterter Vehicle Routing Problems (VRPSPDMUTW+)“. Wobei abgesehen von der grauslichen Sprachkonstruktion „Lösung erweiterter Problems“ die Erläuterung des Monsters VRPSPDMUTW+ im gesamten Beitrag fehlte – bzw. erst im zweiten Teil unter Anwendung von viel Sherlock-Holmes-Detailarbeit herauszufinden war.

Warum verwendet unser Informatiknachwuchs solche Ungetüme? Und warum lassen die respektiven Betreuer so einen monströsen Quatsch zu? Die Kaste der Informatiker/Informationstechniker wird in der Öffentlichkeit gern als eine Horde von introvertierten Fachidioten betr-achtet und demzufolge ver-achtet. Ganz im Gegensatz zum Beispiel zu den Medizinern, aber auch von den Mathematikern! Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie sind wir selbst für dieses Image verantwortlich, wenn wir solche kryptisch-bekloppten Abkürzungen und Veröffentlichungstitel zulassen.




In diesem Sinne
Ihr Alois Potton