Alois Potton hat das Wort [Nr. : 70, 09/2009 ]


 

Mittelmäßige Hirsche

 

Viele Jahrzehnte lang war das Leben eines deutschen Wissenschaftsbeamten ganz gemütlich: War man einmal berufen oder bestallt, dann war man eben wohlbestallt, sofern man sich nicht um auswärtige Rufe bemühte, die einem ein Geringes an zusätzlichem monatlichem Salär eingebracht hätten. Soll heißen: Man konnte tun oder lassen, was man wollte. In der ehemaligen DDR führte das dazu, dass sich nicht wenige Kollegen in die innere Emigration begaben, nur noch ihre Datscha bewirtschafteten und auf diese Weise das Kunstgebilde „DDR“ nachhaltig zum Einsturz brachten. Ähnliches Verhalten ist aber heutzutage nicht mehr möglich, denn das neue Zauberwort heißt „Evaluation“: Die Leistungen und das sich darauf gründende Monatsgehalt sind laufend aufs Neue zu bewerten bzw. anzupassen. Die Kriterien dafür betreffen drei Bereiche, nämlich Forschung, Lehre und Verwaltung. Von diesen ist der letztgenannte zwar vielleicht am zeitintensivsten, er zählt aber nicht besonders viel, weil solche Aktivitäten als selbstverständlich vorausgesetzt werden und weil, wer sich nicht vor diesen lästigen Aufgaben zu drücken versteht, zu Recht abgestraft werden darf.

Engagement in der Lehre wird in allen Festreden nachdrücklich eingefordert. Eine echte Überprüfung ist aber – von Trivialitäten wie zum Beispiel den im Hörsaal verbrachten Stunden einmal abgesehen – kaum möglich. Denn dazu müsste man die Studierenden befragen. Und die werden in aller Regel das bevorzugen, was besonders einfach ist, d.h. wo die Durchfallquoten am niedrigsten sind. Und außerdem werden die Benotungen stark dadurch beeinflusst, wie gut der Studierende gefrühstückt hat und ob er vom Prof mit Handschlag begrüßt wurde oder nicht.

Bleibt als wichtigster und so gut wie allein ausschlaggebender Aspekt der Bewertung also die Forschungsleistung. Wie soll man diese vergleichend beurteilen? An dieser Frage haben sich schon viele echte oder selbsternannte Experten versucht. Klar ist (oder scheint zu sein), dass das Ansehen eines Wissenschaftlers von Zahl und Güte seiner Veröffentlichungen bestimmt wird. Wobei weder Zahl noch Güte allein entscheiden dürfen, sondern eine Kombination dieser beiden Parameter. Nun kann man die reine Zahl ja noch einigermaßen gut bestimmen, was aber bereits hier große Diskussionen über die Veröffentlichungsorgane und –formen veranlasst: hart referierende Zeitschriften, tourismusbefrachtete Konferenzen, graue Literatur, Monographien,… Dies zu sammeln und miteinander in Beziehung zu setzen, das ist gar nicht einfach und sogar oft ein Ding der Unmöglichkeit, vor allem unter Berücksichtigung der sehr unterschiedlichen Kulturen einzelner Fachdisziplinen.

Noch komplizierter ist die Einschätzung der Güte einzelner Schriften. Und hier kommt eine neue Sache ins Spiel, die diesen Parameter frappierend einfach zu messen gestattet und die Streitfrage bzgl. der Qualität der Publikationsorgane gar nicht erst aufkommen lässt. Das neue Zaubermittel heißt „Hirsch-Index“ und ist dem Physiker (sic!) Jorge E. Hirsch zu verdanken. Seine Formel basiert auf der Häufigkeit der Fremdzitierungen. Der Hirschindex hat den Wert x, wenn die x populärsten Werke eines Autors jeweils mindestens x-mal in anderen Publikationen zitiert wurden und seine restlichen Arbeiten eben weniger als x-mal. Da x eine ganze Zahl ist (und nicht etwa durch die Zahl der am Artikel beteiligten Autoren dividiert wird), kommen Physiker hierbei besonders gut weg, denn dort hat eine Veröffentlichung selten weniger als 163 Autor(inn)en; schon gar nicht, wenn sie beim CERN entstanden ist, wo neben den zahlreichen Teamleitern auch alle Mitarbeiter und Hilfskräfte bis hin zu denjenigen Personen aufgeführt werden, die den Rotwein besorgten, um die langen Nächte unter der ziemlich langweiligen Stadt Genf aushaltbar zu machen. Dass der Hirschindex also von einem Physiker erfunden wurde und nicht von einem einzelkämpferischen Mathematiker, darf deshalb nicht verwundern.

 

Positiv anzurechnen ist dem Hirschindex der Versuch, die Wichtigkeit einer Publikation mit der Zahl der Fremdzitate zu korrelieren. Ein Problem dabei ist, dass sich Zitationskartelle bilden nach dem Motto: “Zitierst Du mich, zitier´ ich Dich!“. Aber das ist ein vergleichsweise marginaler Effekt. Bedenklicher ist, dass der Index herausragende Leistungen von Wenig-Schreibern nicht oder zu wenig würdigt. Das ist in den meisten Fällen unschön, kann aber manchmal auch begrüßenswert sein. So ist etwa von einem gewissen A. Hitler nur eine einzige Veröffentlichung bekannt, deren Lektüre damals so gut wie jedem Volksgenossen zwangsverordnet wurde. Und auch vom unseligen Kaiser Wilhelm Zwo ist nichts Nennenswertes überliefert außer seinem Aufruf zum ersten Weltkrieg (ohne den wiederum das Hitlermachwerk nicht denkbar wäre). In beiden Fällen ist der entsprechende Hirschindex also „1“ und das ist ein ebenso minimaler wie korrekter Wert.

Problematischer sind aber diejenigen Fälle, wo ein brillanter Geist nur ein einziges Werk schuf, das die Welt im positiven Sinne veränderte. Solches wird vom Hirschindex nicht gewürdigt, weil der Index ja nicht höher als die Gesamtzahl der Publikationen sein kann. Man könnte nun argumentieren, dass jede herausragende Schrift viele Folgearbeiten desselben Autors nach sich ziehen müsse, die selbst bei deutlich geringerer Qualität publizier- und zitierfähig sind. So wie im Filmgeschäft, wo ein Publikumsrenner wie „Fluch der Karibik“ viele Nachfolger erzeugt, die man nur noch zum Kotzen finden kann (wobei das hier trotz Publikumserfolg auch auf das Erstlingswerk zutrifft).

Wesentlich schlimmer aber ist, dass der Hirschindex die Mittelmäßigkeit nachhaltig fördert, denn durch seichte, aber populäre Arbeiten kann man seinen Hirschindex in ungeahnte Höhen steigern. Nicht umsonst haben Biologen die höchsten Hirschwerte – sie kennen sich halt mit Hirschen und anderen Tieren besonders gut aus! Einen hohen Hirschindex erzeugt man nämlich am einfachsten durch das Abfassen von flüssig geschriebenen Kompendien eher tutoriellen Charakters, z.B. über „A Survey on Sensor Networks“, „Wireless Mesh Networks“, „Wireless Sensor Networks“ oder „Cognitive Radio Networks“ (alle Titel aus dem Bestand eines hirschtechnisch haushoch gerankten Kollegen). Diese generalistischen Pamphlete werden dann von vielen anderen Autoren zitiert, die etwas zur betreffenden Thematik schreiben wollen. Denn jeder „echte“ Artikel muss ja eine hinreichend große Referenzliste haben – und die erstellt man im Nullkommanix durch Hinweis auf die genannten Überblicksarbeiten. Beinahe alle Informatiker(inn)en mit ungewöhnlich hohen Hirschwerten sind als smarte Tutorienschreiber auffällig geworden – wobei man nicht verkennen sollte, dass manche dieser Autoren auch ein paar bessere Arbeiten verfasst haben.

Wenn man ein Beispiel für den Zusammenhang zwischen hohem Hirschindex und Mittelmäßigkeit anführen will, kann man natürlich keinen real existierenden Informatiker nennen, ohne seine Todfeindschaft zu riskieren. Lassen Sie mich daher zu diesem Zweck in einer anderen Branche wildern, nämlich im Automobilwesen. Dort gibt es den ebenso selbsternannten wie unsäglichen Autopapst Ferdinand Dudenhöffer. Dieser „Fachmann“ (ehemals von der Fachhochschule Gelsenkirchen und jetzt bei der Universität Duisburg-Essen; sic transit gloria universitatis) äußert sich gefragt oder ungefragt zu allen möglichen automobilen Themen. Und Presse, Funk und Fernsehen haben nichts Besseres im Sinn als ihn laufend zu interviewen. Folgerichtig ist die Anzahl seiner „Veröffentlichungen“ wie auch seiner Fremdzitate geradezu abenteuerlich hoch – und das gilt folgerichtig natürlich auch für seinen Hirschindex.


In diesem Sinne
Ihr Alois Potton