Alois Potton hat das Wort [Nr. : 71, 12/2009 ]


 

Slimming

 

In Thailand (möglicherweise auch in anderen Ländern, weil auf dem mir vorliegenden Exemplar „Thai Edition“ steht) gibt es eine monatlich erscheinende und auf Hochglanzpapier gedruckte Illustrierte namens „Slimming“, was ja soviel heißt wie „dünner werden“. Denselben Vorgang könnte man auch als „Abnehmen“ bezeichnen oder im Saarland merkwürdigerweise sogar als „Abholen“ („Ei, ich hann im ledschde Johr sechs Kilo abgeholl“). Jede Ausgabe dieser Zeitschrift porträtiert Hunderte von ziemlich gleich aussehenden Mädchen der Altersklasse 19,5-21 Jahre und der Gewichtsklasse 39-42 Kilo (mit wenigen sehr gewichtigen Ausnahmen, die offenbar zur Abschreckung gezeigt werden), also mit jeweils zwei Kilogramm Lebendgewicht pro Jahr. Ob sich diese Proportionalität lebenslang fortsetzt? Wie würden unter dieser Annahme die im aktuellen Heft abgelichteten Mädchen im Alter von – sagen wir mal – 60 Jahren aussehen?

Es ist mir nicht klar, was Ursache und was Wirkung ist, aber jedenfalls hat die Existenz dieser Zeitschrift zur Folge, dass Hunderttausende oder Millionen von thailändischen Mädchen genau so aussehen wollen und tatsächlich auch so aussehen wie ihre Illustriertenvorbilder. Das wirkt besonders beeindruckend oder erschütternd, wenn man morgens um ca. halb neun Uhr in der Bangkoker Silom Street die Myriaden in einheitliches Mausgrau gewandeten Girls sieht, die aus der Hochbahn oder aus der U-Bahn strömen und ihrer Arbeit entgegeneilen. Ameisenartig und alle so gut wie identisch. Was sie auf ihren Arbeitsstellen eigentlich tun, bleibt rätselhaft. Es erscheint ausgeschossen, dass intensives Nachdenken zu den von ihnen verlangten Tätigkeitsmerkmalen gehört. Die Existenz einer als Vorzeige-Ideal geltenden Zeitschrift trägt offenbar heftig dazu bei, alle Ansätze zur persönlichen Kreativität zu ruinieren.

Solche Gleichmacherei ist auch anderenorts (d.h. nicht nur in Thailand) sehr beliebt geworden. Prominentes Beispiel sind die Bachelorstudiengänge, wo ja die angeblich unverzichtbaren Studieninhalte mit aller Macht in die Studierendenköpfe eingetrichtert werden, ohne dass den Rezipient(inn)en auch nur die geringste Zeit zu eigenständigem Nachdenken bleibt. In Thailand zum Beispiel müssen die armen Studierenden nicht weniger als 30 Vollzeit(!)-Stunden pro Woche an Lehrveranstaltungen über sich ergehen lassen. Mit der Konsequenz, dass sie keine einzige eigenständige Aktion mehr durchführen können, sondern vom Betreuer erwarten, dass er ihnen alle Einzelschritte der von ihnen zu lösenden Aufgabe aufs Exakteste vorgibt. Das ist eine große Sünde gegen die Lebensweisheit:

    Tell me - and I will forget.
    Show me - and I will remember.
    Involve me - and I will understand.


Und diese Sünde wirkt sich natürlich sowohl auf erzielbaren als auch auf erzielte Resultate aus. Offenbar halten die Bachelorprotagonisten es mit einer zweiten Weisheit, nämlich:

    The more you learn, the more you know.
    The more you know, the more you forget.
    The more you forget, the less you know.
    So.. why learn?


 

Womit selbstredend das eingepaukte und nicht das verstandene Lernen gemeint ist. Fakt ist, dass beinahe alle Studierenden, die unter dem Bachelorismus zu leiden haben, infolge der Verschulung des Studiums eines eigenen originellen Gedankens ebenso mächtig sind wie der handelsübliche Pfälzer des Genitivs, nämlich überhaupt nicht.

Allzu viel Gleichmacherei ist also offensichtlich von großem Übel. Aber auch das ist wohl kein allgemein gültiges Paradigma. Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass Benutzeroberflächen vereinfacht, einander angeglichen und selbst erklärend wären. Das scheint aber ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, denn alle zwei oder drei Monate gibt es für jedes technische Produkt wieder eine neue, vor der man so hilflos steht wie der berühmte Ochs vor dem ebenso berühmten Berg.

Auch Bedienungsanleitungen wünschte man sich gern in einheitlicherer und besser verständlicherer Form. Obwohl: Es würde einem dann doch viel an Lebensqualität fehlen, wie das folgende Beispiel für die Bedienung einer Weihnachtskerze zeigt (aus http://www.ta7.de/txt/humor/hum00071.htm):

Herzlichst Gluckwünsch zu gemutlicher Weihnachtskerze Kauf.

Mit sensazionell Modell GWK 9091 Sie bekomen nicht teutonische Gemutlichkeit für trautes Heim nur, auch Erfolg als moderner Mensch bei anderes Geschleckt nach Weihnachtsganz aufgegessen und länger, weil Batterie viel Zeit gut lange.

Zu erreischen Gluckseligkeit unter finstrem Tann, ganz einfach Handbedienung von GWK 9091:

1. Auspack und freu.

2. Slippel A kaum abbiegen und verklappen in Gegenstippel B für Illumination von GWK 9091.

3. Mit Klamer C in Sacco oder Jacke von Lebenspartner einfräsen und lächeln für Erfolg mit GWK 9091.

4. Für eigens Weihnachtsfeierung GWK 9091 setzen auf Tisch.

5. Für kaput oder Batterie mehr zu Gemutlichkeit beschweren an: wir, Bismarckstrasse 4.

Für neue Batterie alt Batterie zurück für Sauberwelt in deutscher Wald.” Viel Spass mit GWR 9091, Python


Aber immerhin: Der Name Bismarck wurde hier völlig korrekt, also mit „ck“ geschrieben. Das schaffen selbst manche deutsche Bewerber um ein DAAD-Stipendium nicht, wie ich kürzlich wieder feststellen musste. Auch dann nicht, wenn sie seit Jahr und Tag in einer gleichnamigen Straße wohnen.

Weil das Ihnen vorliegende Heft 4/09 von PIK im Dezember 2009 erscheint: „Auspack PIK-Heft und freu. Unter finstrem Tann. Frohe Weihnachten!“




In diesem Sinne
Ihr Alois Potton