Alois Potton hat das Wort [Nr. : 73, 06/2010 ]


 

Zu Unrecht Verachtete

 

Diese Kolumne ist eine Hommage an diverse Bevölkerungsgruppen, die eine sehr wichtige Funktion haben und dennoch von der Öffentlichkeit und von der öffentlichen Meinung missachtet oder sogar völlig ignoriert werden.

a. Die Verfasser von abgelehnten Manuskripten

Eine Konferenz oder auch eine Zeitschrift gilt nur dann als herausragend, wenn der Anteil der akzeptierten an den insgesamt zur Veröffentlichung eingereichten Manuskripten hundsgemein niedrig ist. Das gilt in besonders prominenter Weise für den Bereich der theoretischen Informatik (und wohl auch anderer grundlagenorientierter Disziplinen), wo einstellige oder knapp zweistellige Annahme-Prozentpunkte an der Tagesordnung sind und wo Annahmequoten von 30 Prozent bereits zu beweisen scheinen, dass der wissenschaftliche Wert der betreffenden Veranstaltung höchstens marginal sein kann – wenn überhaupt. FOCS und STACS gehören in diese Kaste von elitären Konferenzreihen und die eher theoretisch arbeitenden Kollegen berichten dann strahlend, dass dort ein eigenes, aber wieder einmal nur 9% oder meinetwegen 12% der eingereichten Manuskripte Gnade in den Augen der Gutachter gefunden haben. Diese niedrige Annahmequote scheint dann zu beweisen, dass der Inhalt der angenommenen Beiträge umso wertvoller sei. Was ich allerdings nach einer Sichtung einzelner solcher Manuskripte nicht unbedingt bestätigen kann: Es handelt sich bei dieser Teilmenge oft um sinnfreies und absolut anwendungsfernes Gelabere, das aber mathematisch brillant zusammengefaselt ist (weshalb es der Gutachter nicht verstanden und sich daher nicht getraut hat, diesen Schmonzes abzulehnen).

Aber selbst wenn wir einen niedrigen Annahmewert von sagen wir mal 10% als korrektes Indiz für Hochkarätigkeit akzeptieren: Ist dieser Wert nicht ausschließlich der Tatsache geschuldet, dass sich ca. 90% der Interessenten vergeblich um eine Annahme bemüht haben – bereits ahnend oder befürchtend, dass ihre Anstrengungen nicht durch die anonymen Gutachter gewürdigt werden? Hat jemals jemand dieser großen Masse von Idealisten dafür gedankt, dass sie durch ihre vergebliche Bemühung die Annahmequote auf 10% oder so zu senken mitgeholfen haben? Ich glaube, dass eine solche Würdigung (bis zum Zeitpunkt dieser aktuellen Kolumne) noch nicht erfolgt ist – und das ist wirklich schade. Man sollte vielleicht eine Konferenz oder eine Zeitschriftennummer mit dem Titel „best rejected manuscripts“ organisieren. Diese hätte dann zwar immer noch eine Ablehnungsquote von ca. 90 Prozent und wäre damit beinahe denselben Ungerechtigkeiten unterworfen wie zuvor beschrieben, aber es wäre immerhin ein Schritt in die richtige Richtung. Bei der Gestaltung eines vor diversen Jahren erschienenen PIK-Hefts hatte ich, weil es an regulär eingereichten Beiträgen mangelte (diese Situation hat sich ja glücklicherweise inzwischen entspannt), die Idee, die bei einer kurz zuvor durchgeführten KiVS-Tagung abgelehnten Beiträge zu durchforsten und einige der dafür verantwortlich zeichnenden Autoren zum Wiedereinreichen zu ermutigen. Ich möchte aus nahe liegenden Gründen nicht verraten, um welche KiVS und um welches PIK-Heft es damals ging, aber ich bin der festen Überzeugung, dass der Inhalt des so entstandenen Hefts deutlich besser als der Durchschnitt war. Wer es trotzdem genauer wissen will: Den damaligen KiVS-Veranstaltungsort ver-„schweig“-t des Sängers Höflichkeit und es darf natürlich nicht der Umkehrschluss gezogen werden, dass die betreffende KiVS sich irgendwie durch besonders schlechte Referate ausgezeichnet hätte.

 

b. Die EU-Parias

Beinahe auf derselben Linie wie die hoffnungslosen Manuskriptverfasser, aber vielleicht noch eine Spur bedauernswerter sind die Verdammten, die sich an den allfälligen Calls der EU beteiligen (müssen). Auch dort nähert sich mit jeder neuen Ausschreibung die Bewilligungsquote sehr stark dem einstelligen Prozentbereich. Und wenn man nicht zur mafiösen Lobby derjenigen gehört, die den Ausschreibungstext formulieren, dann sind die Erfolgsaussichten verschwindend klein. Zumal diese Chancen kaum oder gar nicht durch inhaltliche Aspekte bestimmt werden, sondern durch ein geschicktes Händchen für den Aufbau EU-weiter Netzwerke unter besonderer Einbeziehung von Partnern aus so genannten benachteiligten EU-Regionen. Aber: Netzwerkaufbau hin oder her, die Chancen sind so niedrig, dass man sich an einer zweistelligen Zahl von Anträgen beteiligen muss, um einigermaßen realistische Aussichten auf mindestens einen Treffer bei dieser Lotterie zu haben. Und selbst im Erfolgsfall ist großer Missmut so gut wie unvermeidlich, denn es wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgerechnet das Projekt durchkommen, das man selbst am wenigsten gemocht hat und wo man sich am Antrag nur widerwillig beteiligte. Und gerade dieses soll nun mit einer Horde von Partnern, denen es bzgl. der Willigkeit oder vielmehr Unwilligkeit genauso geht, erfolgreich abgewickelt werden? Kein Wunder, dass diese „Abwicklung“ dann ähnlich verlaufen wird wie das in zahlreichen anderen Vorgängen – z.B. bei der deutschen Wiedervereinigung - erfolgte.

Eines der berühmten Parkinsonschen Gesetze besagt: Entscheidungsgremien werden weniger effektiv, wenn sie mehr als fünf bis acht Mitglieder haben („Deliberative bodies become decreasingly effective after they pass five to eight members“). Leider haben aber EU-Projekte meist 17 bis 20 Partner – mit steigender Tendenz bei jeder neuen Ausschreibung. Über Ineffektivität oder Lähmung braucht man sich also ab einer hinreichend großen Zahl von missmutigen oder unwilligen Mittätern nicht zu wundern. Die erzwungene übergroße Zahl von Partnern ist vielmehr ein valides Argument für den unvermeidlichen Misserfolg eines EU-Projekts.




In diesem Sinne
Ihr Alois Potton