Alois Potton hat das Wort [Nr. : 74, 09/2010 ]


 

Kult, Kollegs und Katastrophen

 

Die Welt ist ein Jammertal. Ein bezeichnendes Beispiel dafür sind die Kultprogramme der ARD, die unter dem Namen Weltspiegel sonntags ab 19 Uhr 20 ausgestrahlt werden und einem durch ihre Schwarzmalerei das Wochenende vergällen sowie Depressionen für die kommende Woche fördern. Dort kommen in ziemlich regelmäßigen Abständen – man muss die Sendezeit ja mit irgendetwas Negativem füllen – Beiträge zur Fischerei. Es spielt dabei überhaupt keine Rolle, ob die Angehörigen dieses Berufsstands auf der an der schottischen Westküste gelegenen Insel Arran, im Mekongdelta oder in Senegal beheimatet sind: Das Gezeter ist in allen Fällen gleich. Gezeigt wird ein marodes Boot, das eigentlich schon längst durch ein neues hätte ersetzt werden müssen, wofür natürlich kein Geld da ist. Die interviewten Fischer erklären unisono, dass die Quantität des Fangs trotz mehrmaligen Rausfahrens pro Nacht immer mehr zurückgehe. Und auch die Qualität werde immer schlechter. In früheren Jahren habe man fast alles, was heute noch verkauft werden müsse, als Beifang und damit als Ausschuss über Bord geworfen. Die Gründe für diese katastrophale Entwicklung sind laut Weltspiegel vielfältig und reichen von globaler Überfischung (woran der dieses beklagende Fischer allerdings mitverantwortlich ist) über den unverantwortlichen neuen Staudamm in China und die damit einhergehende Senkung des Pegelstands bis hin zur Klimaveränderung und und und. Außerdem verfalle der Marktpreis immer mehr. Schlussfolgerung ist dann in schöner Regelmäßigkeit die resignierende Feststellung: “Von den Erträgen kann ich nicht mehr leben”. Und das ist dann doch irgendwie merkwürdig, denn der betreffende Fischer (es ist in jedem solchen Weltspiegelfilmchen natürlich ein anderer) sieht nicht unbedingt so aus als wenn er gerade am Verhungern wäre.

Inzwischen beginnt sich auch die Informatik – durch langjährige Weltspiegelinfiltrierung nachhaltig geschädigt und zermürbt – in die Heerschar dieser Jammerlappen einzureihen. Dieses gilt in ganz besonderem Maße für Deutschland, wo ja das Jammern zur bevorzugten Grundhaltung geworden ist. Man kann diese Beobachtung an verschiedenen untrüglichen Anzeichen festmachen, wovon ich hier nur auf einziges eingehen möchte: Seit nunmehr 20 Jahren gibt es die segensreiche Institution der DFG-geförderten Graduiertenkollegs. Dass diese Maßnahme ein wirklich hervorragender Beitrag zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ist, kann Alois als Sprecher zweier aufeinander folgender Kollegs wie kaum jemand sonst beurteilen, zumal es ihm gelungen ist, im Leibniz-Zentrum Schloss Dagstuhl eine inzwischen jedes Jahr im Juni stattfindende wöchentliche Veranstaltung zu etablieren, wo sich alle oder jedenfalls die meisten deutschen Informatikkollegs treffen und wechsel-seitigen wissenschaftlichen Austausch pflegen. Nach einem vergleichsweise kleinen Anfang mit “nur” fünf beteiligten Kollegs (die inzwischen alle das Zeitliche gesegnet haben, weil die Laufzeit eines Kollegs aus gutem Grund auf maximal 9+1 Jahre beschränkt ist), sind mittlerweile bereits 14 Kollegs beteiligt – und ungefähr zehn weitere würden ebenfalls gern mitmachen, wenn noch Platz für sie wäre.

 

Die Forschungsfragestellungen der aktuell in Deutschland existierenden und sich in Dagstuhl treffenden Kollegs sind ein verlässlicher Indikator für die aktuellen Strömungen und Befindlichkeiten der Informatikszene – so wie auch die Themenpalette der im DFG-Normalverfahren geförderten oder beantragten Projekte ein solcher Indikator ist.

Und was ist da bei den Graduiertenkollegs festzustellen (Stand Juni 2010)? Mindestens die Hälfte aller Kollegs beschäftigt sich ausschließlich oder mindestens partiell mit Katastrophenszenarien und mit bisher nur bedingt zielführenden Versuchen zur Etablierung eines Krisenmanagements. Nicht immer sind diese Bestrebungen aus dem Titel des Kollegs erkennbar, aber die Katastrophengeilheit kommt beinahe überall in gleich mehreren Promotionsthemen vor, die listigerweise zu denjenigen gehören, die öffentlich besonders groß herausgestellt werden. Ein solch durchsichtiger und irgendwie abgeschmackter Versuch zur Herstellung einer großen Publikumswirksamkeit ist verständlich, wenngleich nicht unbedingt zu billigen, denn Bilder von “Nine-Eleven” oder von den Folgen des Wirbelsturms “Catrina” erregen nun einmal Aufmerksamkeit auch bei den schlichtesten Gemütern. Apokalypse zieht immer! Da ist es schon beinahe verzeihlich, wenn die vom Promotionskandidaten angebotenen Lösungsansätze ziemlich bescheiden sind. Nun gut: Es handelt sich bei den Dagstuhlreferaten um Berichte aus dem Früh- oder bestenfalls Mittelstadium einer angebrochenen Dissertation. Da kann man halt noch nicht so schrecklich viel Handfestes erwarten außer dem Versprechen, dass im Zeitalter der Sensor- und ad-hoc-Netze eine rasche und zuverlässige Kommunikation sicher gestellt werden muss oder müsste. Ob dieses aber im Ernstfall auch “live” gelingen würde, darüber gibt es zurzeit meines Wissens noch keine gesicherten Erkenntnisse, geschweige denn einen “Beweis durch Beispiel”.

Die bisherigen Forschungsleistungen scheinen eher der Interpretation der Lottozahlen am Sonntag nach dem Ziehungssamstag oder der Diskussion der Dreierwette nach dem Zieleinlauf des Pferderennens vergleichbar zu sein: Im Nachhinein ist man immer schlauer. Vorher(!) hätte man es wissen sollen!




In diesem Sinne
Ihr Alois Potton