Alois Potton hat das Wort [Nr. : 75, 12/2010 ]


 

Das informatische Justizklavier

 

Dies ist die erste Kolumne, die Alois als Rentner schreibt. So schnell verfliegt die Zeit! Dabei war Alois auf diesen Status keineswegs scharf, im Gegenteil. Die Bezeichnung “Rentner” ist irgendwie isomorph zu “Alteisen” oder so. Das ist ganz schrecklich, aber leider biologisch nicht zu ändern.

Ganz deutlich besser gefällt Alois stattdessen ein Titel, die ihm vor wenigen Wochen durch einen Kollegen aus dem KuVS-Leitungsgremium verliehen wurde. In der damaligen Email wurde er nämlich als Flegel bezeichnet – und das hat ihn wirklich total begeistert. “Flegel”, das hat so etwas Freches und Jugendliches, es gibt einem einen gewaltigen Adrenalinschub. Dieses war also echt wundervoll. Aber Alois verfiel dann doch auf den Gedanken, was denn – rein theoretisch - wohl herauskäme, wenn man diese Bezeichnung als Beleidigung auffassen würde. Wie gesagt, rein theoretisch, nur so als Gedankenexperiment, wie das etwa aus der Physik bekannt ist. Ich erinnere mich da sehr schwach aus längst vergangenen Studienzeiten an ein solches Experiment der Thermodynamik, mit dem man durch bloßes Nachdenken (und ohne jeglichen konkreten Versuchsaufbau!) beweisen konnte, dass es keine verlustfreie Umwandlung von Energie in eine andere Energieform geben kann.

Seit langer Zeit verfolgt Alois die zugegebenermaßen spinnerte Idee, ob man nicht auch in der Informatik ähnliche Gedankenexperimente durchführen könnte, zum Beispiel im Bereich der Juristerei. Schließlich gibt es unter den zahllosen “Informatik und XXX”-Gebieten auch eines, das sich “Informatik im Rechtswesen” schimpft. Was treiben diese Kerle eigentlich? Irgendwie scheinen sie nicht richtig voranzukommen, von richtigen Durchbrüchen etwa bei der Verhinderung oder Bestrafung von Internetkriminalität hört man sehr wenig. Höchstens die hilflose Bankrotterklärung, dass ein solches Ziel – nämlich Computerkriminelle zu verfolgen und ggf. angemessen zu bestrafen - wegen des bekanntlich weltumspannenden Internets faktisch nicht erreichbar sei. Zu unterschiedlich seien die Rechtssysteme in den ca. 200 insgesamt existierenden Staaten – und wie wolle man, selbst wenn eine Verurteilung erzielt werden könne, diese zum Beispiel in Paraguay vollstrecken.

Das ist eine wirklich sehr unbefriedigende Situation – und das mit der Nichtverfolgbarkeit von Kriminellen aus Paraguay oder meinetwegen aus Vanuatu sieht Alois durchaus ein. Aber er fragt sich trotzdem rein hypothetisch, ob es nicht inzwischen möglich sein müsste, mit informatischen Hilfsmitteln und mit einer cleveren Algorithmik ein Urteil zu “berechnen”, das man zwar nicht sofort vollstrecken kann, weil der betreffende Gauner sich leider auf Vanuatu dem Zugriff der deutschen Gerichtsbarkeit entzogen hat. Aber wenigstens hätte man dann doch eine Maßnahme parat, falls der betreffende Delinquent zufällig mal eine Reise nach Deutschland unternähme. Es wäre also wunderbar, wenn es ein Verfahren gäbe, mit dem man in Sekundenbruchteilen das korrekte Strafmaß in Prozessangelegenheiten berechnen könnte. So wie es der geniale österreichische Satiriker Alexander Roda Roda (1872-1945) schon vor mehr als 100 Jahren als Vision eines Justizklaviers beschrieben hat.

 

Die betreffende Anekdote von Roda Roda geht ungefähr so: Ein maghrebinischer Potentat erhält Besuch von einem Fremden, der ihm eine revolutionäre Erfindung verkaufen will, mit der man zum Beispiel alle Staatsanwälte, Richter und ähnliche Rechtsverdreher in Rente schicken könne. (Am Rande sei vermerkt, dass dieses, wenn es gelänge, in der Tat insbesondere das gewaltige Defizit im US-Budget mit sofortiger Wirkung auf Null setzen würde, weil die USA in ganz besonders schrecklichem Ausmaß von Rechtsanwälten “verseucht” sind). Der Erfinder erklärt also, er habe ein Justizklavier entwickelt, das genauso funktioniere wie ein normales Klavier und mit dem man ein Strafmaß sofort berechnen könne. Auf den schwarzen Tasten stehen die Belastungsgründe, so da sind: Einbruch, Wortbruch, Mord und so weiter. Auf den weißen Tasten hingegen finden sich die Entlastungsgründe, also zum Beispiel: minderjährig, Alibi, wahnsinnig,…. Man brauche also nur ein wenig auf diesen Tasten herumzuklimpern und das Klavier würde dann unverzüglich das korrekte und nicht anfechtbare Urteil ausspucken. Das wäre zwar vielleicht ein wenig zu langweilig, weil allzu deterministisch, aber man könne ja eine zufällige Abweichung vom Normalwert hinzufügen, was die Sache etwas spannender und realitätsnäher mache. In der Anekdote von Roda Roda, wo der Potentat natürlich von dieser Erfindung total begeistert ist, kommt der Ankauf des Klaviers nur deshalb nicht zustande, weil der Erfinder vergessen hatte, noch zwei Fußpedale wie bei echten Klavieren anzufügen mit den Bezeichnungen “piano” (für Verbrecher, die dem Regierungslager nahestehen) bzw. “forte” (für Anhänger der Opposition).

Diese Anekdote von Roda Roda fasziniert mich schon seit vielen Jahren und man sollte heute doch endlich “informatisch” so weit sein, ein solches Klavier zu bauen. Die positiven Auswirkungen wären geradezu gewaltig – und das nicht nur für den Staatshaushalt. Allerdings: Wenn ich genauer darüber nachdenke, dann habe ich so meine Zweifel, ob das informatische Justizklavier die Situation im Rechtswesen nachhaltig verbessern würde. Und in dieser Skepsis werde ich unterstützt durch einen kleinen Ausschnitt aus dem leider viel zu wenig bekannten Buch “Three Men on the Bummel” von Jerome K. Jerome. Der geneigte Leser wird höchstwahrscheinlich allenfalls das Werk “Three Men in a Boat” desselben Autors gelesen haben. Jerome K. Jerome legt jedenfalls einer der im Buch vorkommenden Personen das folgende Zitat in den Mund, dessen Richtigkeit ich auch aus eigener leidvoller Erfahrung uneingeschränkt und mit vollstem Nachdruck bestätigen kann: “If a man stopped me on the street and demanded of me my watch, I should refuse to give it to him. If he threatened to take it by force, I feel I should, though not a fighting man, do my best to protect it. If, on the other hand, he should assert his intention of trying to obtain it by means of an action in any court of law, I should take it out of my pocket and hand it to him, and think I had got off cheaply”. Da kann man nur sagen: Das ist wahr, wirklich wahr!




In diesem Sinne
Ihr Alois Potton