Alois Potton hat das Wort [Nr. : 78, 08/2011 ]


 

Der Promotionsgutachtengenerator

 

Das erste Halbjahr 2011 war geprägt von einem gutten Berg an Skandälchen, die das Ansehen der Wissenschaft nachhaltig in Misskredit gebracht haben. Wie inzwischen jedem bekannt ist, ging es dabei um eine scheinbar ausgezeichnete, in Wirklichkeit aber nur frech und mit großem Unverstand aus fremden Quellen zusammengeschnippelte und zunächst auch freudig akzeptierte Promotionsschrift und das zugehörige Erstgutachten. In der aktuellen Glosse soll es weniger um die angebliche dissertationswürdige Schrift gehen, denn allzu opak und kraus ist mir denn doch ihr diffuser Inhalt, wenn man bei der Krummheit der schwülstigen Formulierungen überhaupt von “Inhalt” reden kann. Vielmehr will ich mich der Frage widmen, wie man mit einiger Leichtigkeit Gutachten zu solchen Machwerken erstellen kann - und zwar seriöse solche.

Wenn es um die Jurisprudenz in Bayreuth geht, wenn man (überraschenderweise nicht bayrisch, sondern eher schwäbisch) Häberle heißt und wenn man zudem ein rechtes Be-Häberle ist, dann ist die Sache geradezu trivial: Man schreibt das Inhaltsverzeichnis des zu begutachtenden Buchstabenhaufens ab und ergänzt es um ein paar aus den Anfangs- und Schlusszeilen der diversen Kapitelchen zusammen¬gestoppelten Phrasen, wobei man sich auch kleinerer Teile der allgemeinen Einleitung der Schrift sowie aus der so genannten Conclusion schamlos bedienen darf. Vielleicht erwähnt man auch noch positiv – obwohl das ja mit der zu beurteilenden Schrift wenig oder nichts zu tun hat -, dass der Vater des zu promovierenden Delinquenten ein ausgezeichneter Dirigent sei (so jedenfalls wird aus dem skandalösen häberleschen Gutachten kolportiert). Det Janze selbstredend ohne jegliche Wertung des Inhalts, das heißt ohne irgendeine schlüssige Begründung, warum der Benotungs¬vorschlag ausgerechnet auf die Bestnote “summa cum laude” hinauslaufen muss, wo doch in anderen Fällen die Juristerei bereits die Note “voll befriedigend” mit “kongenial” gleichsetzt. Erklärbar ist so etwas nur durch übergroße Ehrfurcht vor dem Adel oder – wahrscheinlicher – durch ein gerüttelt Maß von Cash in die Täsch, wie der Kölner sagt.

Das ist also der Vorgang – hoffentlich nicht die gängige Praxis – in den so genannten weichen Disziplinen. In den naturwissenschaftlichen Fächern ist das (leider?) nicht so einfach, denn hier gibt es meiner Kenntnis nach keinerlei Cash en die Täsch und außerdem geht es um Zahlen, Kurvenzusammenhänge und harte Fakten. Der Bereich Software Engineering sei dabei einmal ausgenommen, aber das ist ein anderes Thema. Wie also kommt man in vernünftigen Zeiträumen (und vielleicht sogar in unverschämt kurzer Zeit) zur ebenso schlüssigen wie unanfechtbaren Beurteilung eines Werks von typischerweise mehreren hundert Seiten? Im Software Engineering haben die betreffenden Kreationen sogar locker mal 500-800 Seiten an Umfang. Aber die Benotung dort kann ähnlich einfach wie im beschriebenen Jurisprudenzbeispiel vorgenommen werden, weil Zahlen und Kurven fehlen – mit Ausnahme der auch dort unvermeidlichen, aber nicht wirklich für die Beurteilung hilfreichen Seitenzahlen.

Ich möchte daher im Folgenden eine wesentliche Hilfestellung leisten und eine Anleitung zur halbautomatischen Erzeugung von Promotionsgutachten geben, die mit einer ersten sehr einfachen Regel beginnt: Wenn Sie eine Anfrage zur Erstellung eines Gutachtens erreicht und Sie diese nicht abwimmeln können, dann gilt: Zunächst einmal liegen lassen, für mindestens vier Wochen! Sollten Sie nämlich zu schnell reagieren, wird man Ihnen unterstellen, dass Sie sich entweder nicht genug Zeit genommen haben – d.h. das Werk nicht gründlich genau studiert haben (wogegen natürlich auch eine noch so lange Liegedauer nicht wirklich schützt, aber Sie geraten dann nicht so leicht in entsprechenden Verdacht) oder aber, dass Sie offenbar zu viel Zeit und daher ein allzu bequemes Leben hätten. Sie werden sich also erst nach einer geziemenden Wartezeit (auch ein gutes Steak muss ja erst mal eine Zeit lang abhängen) widerwillig der Aufgabe widmen.

 

Um das Gutachten zeitsparend zu schreiben, brauchen Sie eine selbst erstellte Vorlage, also ein Template, das neben einer geeigneten Formatierung bereits wesentliche Blöcke der Stellungnahme beinhaltet. So zum Beispiel einen Platzhalter für Titel der Arbeit, Name des Kandidaten und so weiter bis hin zu den Standardkomponenten eines Gutachtens und zur abschließenden Floskel bezüglich der Annahme der Arbeit und des Notenvorschlags. Im Template ist auch schon ein Gemeckere betreffs der – meist als lausig zu bezeichnenden – Qualität der sprachlichen Formulierungen wegen der Missachtung der Grammatik wie auch der Kommaregeln vorformuliert, was man streichen kann, wenn wider Erwarten die Sprachqualität vom Feinsten sein sollte. Entsprechende Bausteine liegen auch schon bereit für eine Beurteilung des Literaturverzeichnisses, des übergroßen Umfangs an grauer Literatur und dergleichen. Ein Vermerk zu Zahl und Qualität der mit der Promotion zusammenhängenden bisherigen Konferenzbeiträge (IEEE!) des Dissertanden ist ebenfalls schon vorgegeben. Es sind nur noch die zugehörigen positiven oder negativen Sätze des Template auszuwählen, je nachdem. Sie beklagen außerdem in den Kurvendiagrammen das typische Fehlen von Konfidenzintervallen oder loben ihre Existenz (wenn sie denn mal eingetragen sein sollten) oder halten sie für zu groß bzw. zu klein oder der Intuition zuwiderlaufend, je nachdem, wie Sie gerade gelaunt sind. Auf diesen Teil des Gutachtens müssen Sie beim Software Engineering leider verzichten, weil es dort ja keine Konfidenz-intervalle gibt. Andererseits: Was gibt es bei SE überhaupt außer puddingartigem Geschwafel, das man unmöglich an die Wand nageln kann? Aber – wie bereits gesagt – das ist ein anderes Thema, und Unsereins kommt zum Glück selten in die Verlegenheit, beim Software Engineering mit einem Gutachten aushelfen zu dürfen.

Man wird auch getrost schreiben dürfen, dass die ersten drei Kapitel der Arbeit zwar sehr gut gemacht und für die Thematik wichtig seien, dass sie aber doch eher State-of-the-Art sind und für die Wertung der Arbeit als Dissertationsschrift eigentlich außen vor bleiben können (woran man sich dann selbstverständlich auch hält, d.h. die genannten Kapitel werden höchstens noch ganz rudimentär erwähnt). Außerdem wird man den umfangreichen Teil über Implementierungen und Prototype mit dem Hinweis darauf ignorieren dürfen, dass dieses zwar eine ungewöhnlich umfangreiche, aber eigentlich doch eher handwerklich zu nennende Leistung sei und bezüglich wissenschaftlicher Erkenntnis¬fortschritte keinen besonderen Ansprüchen genüge. Deshalb beschränke man sich aus Platzgründen im Folgenden auf den weiter unten genannten kleinen Teil (den “Knackpunkt”) der Schrift.

So viel zur völlig automatisierbaren Hälfte des Gutachtens – und für Leute wie Häberle ist das bereits mehr als ausreichend. Für ein echt luxuriöses Gutachten ist aber leider noch eine zweite – kaum automatisierbare – Hälfte erforderlich. Vor den Erfolg haben die Götter eben den Schweiß gesetzt. Sie sollten nämlich noch nachweisen, dass Sie das Manuskript aufs Gründlichste und außerordentlich kritisch studiert haben. Zu diesem Zweck müssen Sie sich in einen Abschnitt des vor- oder des drittletzten Kapitels verbeißen – oder aber in den Teil, den der Autor in seiner Kurzfassung als seinen wichtigsten Eigenbeitrag gekennzeichnet hat. Also zum Beispiel in Abschnitt 4.2.3 des Manuskripts, der meinetwegen ganze fünf Druck-seiten umfasst. Diesen Teil der Arbeit müssen Sie nun wirklich aufs Genaueste lesen und völlig zerrupfen, ohne ihn aber total zu vernichten. Das klingt kompliziert, aber glauben Sie mir, es ist durchaus machbar – sogar ohne allzu große Mühe. Sie haben nämlich den Vorteil, dass Ihr Gutachten kaum infrage gestellt werden kann, sofern Sie sich nicht zu allzu abenteuerlichen und offensichtlich absurden Fehleinschätzungen hinreißen lassen. Auf jeden Fall können Sie die logische Abfolge der Darstellung anzweifeln und postulieren, dass eine andere Reihung der Unterabschnitte oder eine zweckmäßigere Benennung der Variablen oder oder oder … die Lesbarkeit des Werks für Nichtspezialisten ganz entscheidend verbessern würde (was Sie aber dem Autor wegen seiner Jugend und der zwangsläufig noch unzureichenden Erfahrung generös nicht zum Nachteil gereichen lassen, sofern Sie sich ausnahmsweise zu einer außergewöhnlich guten Bewertung durchringen wollen). Und beliebig viele ähnlich “kritische” Kommentare sind mit Leichtigkeit zu erzeugen.

Das wär´s auch schon als Anleitung für ein halbautomatisch und quasi perfekt zu erstellendes Gutachten – übrigens nicht nur für Promotionen, sondern auch für diverse andere Zwecke! Die weiteren Zeilen der vorliegenden Kolumne beschreiben “nur noch” eine freiwillige Zusatzmaßnahme, auf die man aber streng genommen verzichten kann, nämlich die Feinarbeit: Das Gutachten wirkt nämlich noch viel besser und seriöser, wenn man die zunächst schnell hingehackten Formulierungen “veredelt”, d.h. von überflüssigen Adjektiva, Adverbien und sonstigem Beiwerk entlastet. Die meisten “also”, “nun”, “ansonsten”, “aber” und dergleichen sind zu streichen. Außerdem entblöden Sie sich nicht des Einbaus manches überflüssigen Genetivs – oder meinetwegen frönen Sie dem Dativ, wenn Sie den Genetiv nicht oder nicht mehr beherrschen (“rettet dem Dativ!”). Notfalls genügt auch schon ein schlichter Akkusativ als Veredelung, wobei sogar ein solcher in Informatikerkreisen nicht mehr wirklich angesagt - weil effizienzmäßig entbehrlich - ist. Die englische Sprache hat uns das erfolgreich vorgemacht. Es reicht also der hundsgewöhnliche Nominativ, wie die folgende in Eschweiler gebräuchliche Redewendung überzeugend beweist: “Der Vadder haut der Jung an der Kopp”. Und wenn man schon auf den überkandidelten Akkusativ zurückgreifen will, dann kann es – ebenfalls in Eschweiler – zu folgendem Dialog kommen: “Wään ess der Mopped do en die Eck?”. Antwort: “Miisch!”.




In diesem Sinne
Ihr Alois Potton