Alois Potton hat das Wort [Nr. : 79, 11/2011 ]


 

Farbfotos und Rollbuchstaben

 

In St. Wendel (Saarland), wo ich aufgewachsen bin, war – und ist – es ziemlich langweilig. Nichts war „los“, weshalb wir Halbwüchsigen regelmäßig um die Häuser zogen. Genauer gesagt um den inneren Stadtring an jedem zweiten Sonntag, wann der örtliche Fußballverein ein Auswärtsspiel hatte, das wegen fehlender Transportmöglichkeiten nicht live zu besuchen war. Die eine Hälfte der Meute spazierte im Uhrzeigersinn, die andere – zu der ich gehörte – im mathematisch positiven Drehsinn, weshalb man der männlichen Kontrollgruppe und auch den heimlich begehrten, aber unerreichbaren, Mädchen mehrmals begegnete. Der Umlauf um den Stadtring hatte eine Reihe von Stopps – nicht zuletzt an drei Fotogeschäften, wo die betreffenden Inhaber stolz ihre Portraits einer größeren Öffentlichkeit zugänglich machten. Da sah man also Erstklässler mit Schultüte, Kommunionkinder, seltener Konfirmationskinder (denn St. Wendel war eine streng katholische Kleinstadt), Fotos von Abschlussbällen, Männergesangvereine (diese Zunft scheint inzwischen ja fast ausgestorben zu sein) usw. Vor allem aber Brautleute, bei denen der männliche Part meist schafmäßig-betäubt glotzte, während die weibliche Seite triumphierend, strahlend oder demütig wirkte, je nachdem. Das Ansehen solcher Bildergalerien wurde in Ermanglung von etwas Besserem zum Ritual.

Auch in der PIK ist man jetzt zum Zeigen zahlloser Fotos übergegangen (vielleicht deshalb, weil sich das aus fachlich/wissenschaftlicher Sicht kaum kritisieren lässt). Sehr schöne und sogar vorwiegend bunte Passfotos und auch Gruppenfotos finden sich in Heft 3 von Band 34. Insgesamt nicht weniger als 47(!) solche, wo das Heft doch nur 38 Textseiten hat. Und dabei sind noch nicht einmal die Bilder von den Demos anlässlich der Verleihung der KuVS-Communication-Softwarepreise eingerechnet, auf denen so Stücker 100 Menschen abgelichtet sind. Die Passfotos der Autor(inn)en der preisgekrönten Werkzeuge sind ein Querschnitt durch die deutsche Kommunikations-landschaft, von A bis Z, von Albayrak bis Zitterbart. Stolze und geschniegelte Leutchen sind das, wenn man nur einmal das Foto von Jan Richling nimmt (verwandt oder verschwägert mit dem bekannten Kabarettisten, es sieht jedenfalls verflucht danach aus?) oder dasjenige von Frau Xiaohua Qin, bei der allerdings die Mitteilung irritiert, dass sie über die im PIK-Heft angegebene Adresse nicht mehr erreichbar sei. Dumme Frage: Warum dann die Angabe dieser Adresse?? Aber das sind Geheimnisse, die sich wohl nur im fränkischen Würzburg entschlüsseln lassen, zumal dasselbe auch von zwei weiteren der insgesamt vier Autoren von MuLaNEO berichtet wird. Es scheint aber – und das tröstet mich ein wenig - immerhin einer der “Viererbande“ überlebt zu haben.

Die Vielzahl der schönen Fotos und der (leider oft ziemlich gleichartigen) Beschreibung des Curriculums der Betroffenen konnte natürlich nicht ohne Auswirkung auf den Umfang der „eigentlichen“ Informationen bleiben. Im Beitrag „REBECA“ haben die nicht weniger als acht allesamt männlichen Autoren pro Mann und Nase im Schnitt weniger als neun Textzeilen zusammengezaubert, was bei den kurzen PIK-Zeilen nun wirklich nicht gerade als umwerfend viel bezeichnet werden kann (zum Inhalt der Zeilen möchte ich mich nicht äußern). Schon das Projektkürzel zeigt, wie sorgsam hier gespart wurde, denn irgendwie scheint mir in „REBECA“ ein “C“ zu fehlen. Aber unsere Nachwüchsler sind keine Althebräer oder Altlateiner mehr. Der geringen Zeilenzahl des Beitrags ist offensichtlich die Erläuterung der Abkürzung zum Opfer gefallen, auch der Untertitel „eine autonome Publish/Subscribe Middleware“ liefert keinerlei Anhaltspunkt. Sehr merkwürdig ist auch, dass Google einige hausgemachte Informationen zum Projekt liefert (mit einem hübschen an der Y-Achse gespiegelten zweiten “e“ im Logo des Projektnamens), aber nirgendwo eine Bedeutung der sechs Einzelbuchstaben des Namens preisgibt. So wie sich REBECA jetzt liest, klingt es so langweilig wie EDEKA – und das ist ja die Abkürzung von Karl Theodor Xerox zu Guttenberg, nämlich „Ein dummer Esel klaut alles“.

 

Da mag mir das Kürzel (oder eher „Längel“) AquareYoum schon besser gefallen, weil es vielleicht Assoziationen zu einem quaderförmigen gläsernen Fischbehälter wecken soll. Der Projektname baut auf „Aquarema“ auf, was aber ein noch weniger eingängiger Begriff und mit Aquarien überhaupt nicht assoziierbar ist. Das große Y in AquareYoum scheint mir eine unnötige Anbiederung an YouTube zu sein – es sei denn, dass YouTube in nennenswerter Weise als Sponsor auftrat und –tritt, was ich dem Team sehr wünschen würde, denn es würde ja überzeugend beweisen, dass „man“ mitten im Leben steht, welch positive Eigenschaft mindestens der einzigen Frau im Team unzweifelhaft attestiert werden darf.

Ein anderer ziemlich bizarrer Projektname kommt wie so häufig aus Karlsruhe, nämlich „ariba“. Auch das lässt sich natürlich weder durch den Beitrag selbst noch via Google decodieren. Ich dachte schon, es käme aus einer der aus dem Projekt entstandenen Publikationen mit dem Titel „An Architecture for Easy Creation and Debloyment of Service Overlays“. So etwas machen die Karlsruher schon mal, aber hier wäre es doch allzu gewagt. Vielleicht sollte es aber auch „arriba“ heißen, was ja das Markenzeichen von Speedy Gonzales ist. Die schnellste Maus von Mexiko spricht die beiden “r“-Buchstaben in „arriba“ noch schnarrender aus als es Filmschauspielerinnen und Schnulzensängerinnen der Fünfziger Jahre konnten. Damals musste ja jeder Song, der aus den USA über den großen Teich schwappte, mehr oder weniger dilettantisch ins Deutsche übersetzt werden, sonst ließ er sich nicht verkaufen. Mein persönlicher Liebling ist hier “Sechzehn Grrründe, bei Dir zu sein“ von Angelina Monti als hoffnungslos debile Übersetzung und noch viel erbärmlicherer Gesang des Beinahe-Nummer1-Hits „Sixteen reasons why I love you“ von Connie Stevens und Mulholland Drive. Das jämmerliche Gesülze „dass Du mir Rrrosen schenkst …wie Du die Haarrre trrrägst “ einer „Sängerin“ mit pseudoitalienischem Namen (nach dem Vorbild von Catarina Valente) ist schon mehr als grauenhaft. Aus unerfindlichen (aber insgesamt positiv zu bewertenden) Gründen ist ja das bayrisch-provinziell gerollte „R“ innerhalb weniger Jahrzehnte (also in einem für die Sprachentwicklung winzigem Zeitraum) völlig über die sprichwörtliche Wupper gegangen. Vielleicht wollten die Karlsruher diesen Trend ja noch verstärken und Speedy Gonzales von seinem „arriba! arriba!“ das zweite Wort und außerdem noch das zweite „r“ stehlen. Ich glaube aber eigentlich eher, dass man zwar Speedy Gonzales imitieren wollte, dieses allerdings in einer so biederen Version und Aussprache wie sie einem Karlsruher Gelbfüßler nun einmal angemessen ist.




In diesem Sinne
Ihr Alois Potton