Alois Potton hat das Wort [Nr. : 80, 02/2012 ]


 

Green IT, die Erste

 

Heutzutage muss alles grün sein: Nicht nur die Parteienlandschaft, sondern auch die Informations- und Kommunikationstechnik sowie ganz allgemein alle Bestandteile des täglichen Lebens. Ausgelöst wurde dieser neue Hype natürlich durch die bedrohlichen Nachrichten zur globalen Erderwärmung und durch die dadurch ausgelösten bzw. sich abzeichnenden Katastrophen. Diese Grünwelle führt zu manchmal ganz abenteuerlichen und völlig bizarren Einsparungsvorschlägen, von denen ich ein besonders beklopptes Exemplar bei der Mahidol-Universität sah. Wo diese Uni liegt? Na klar, in Bangkok. Dort ist in einem brandneuen ständig hell beleuchteten großartigen Prunkbau im Aufzug ein sehr schön gestaltetes Schild angebracht mit der Inschrift: “Please use the escalator instead of the elevator in order to save energy. Thank you for your cooperation. ICT office“. So weit so nett. In der Tat ein rührender Beitrag zur Energieeinsparung! Allerdings wird seine Wirkung doch etwas relativiert, wenn man diesem Effekt gegenüberstellt, dass ganztägig kleine Tramwägelchen in nicht weniger als drei Linien (rot, grün und blau) kostenfrei über den Campus pendeln, der zwar groß ist, aber so riesig nun wieder auch nicht. Diese Wägelchen können je ca. 25 Personen transportieren, sind aber fast immer quasi leer. Auf die Frage, wie denn die elektrische Gesamtbilanz zwischen Einsparung durch Treppensteigen und Verbrauch aussehe, antworten die Mahidol-Verantwortlichen mit Unverständnis, d.h. es gibt überhaupt keine Antwort, weil offensichtlich nie jemand über eine solche Gesamtbilanz nachgedacht hat.

Und was mir zunächst gar nicht aufgefallen war, macht die Geschichte ja noch weit irrsinniger: Denn „escalator“ heißt doch „Rolltreppe“, von denen es im ganzen Gebäude überhaupt keine gibt. Wenn es aber eine solche Rolltreppe irgendwann einmal geben sollte, dann dürfte die dafür benötigte Energie der eines Fahrstuhls zumindest ebenbürtig sein. Das Ganze wird noch bizarrer dadurch, dass die Mahidol University aufgrund einer durch die Regierung verordneten Dezentralisierungsmaßnahme zwei verschiedene Campi (für Rheinländer) bzw. Campusse (für Pfälzer) oder Campora (für Rheinland-Pfälzer) hat, die ca. 30 km voneinander entfernt sind und zwischen denen die Dozenten und Verwalter, aber nicht selten auch die Studierenden, hin- und herpendeln müssen. Hierfür leistet sich Mahidol nicht weniger als 140(!) Minibusse zusammen mit den zugehörigen Fahrern (immerhin eine beschäftigungspolitisch sinnvolle Maßnahme!), denn jede der 20 Fakultäten besitzt sieben solcher Kleinbusse, was bei den verkehrstechnisch bedingten Umlaufzeiten in einer Stadt wie Bangkok nicht einmal übertrieben viel ist. Aber der Gesamtverbrauch dieser Busse dürfte mindestens beim Hunderttausendfachen dessen liegen, was man durch Treppensteigen zur Entlastung eines Fahrstuhls erreichen kann (wobei nicht einmal die durch Fahrstuhl¬vermeidung abgenutzten Schuhsohlen und Treppenstufen¬beläge korrekt eingerechnet werden müssen).

 

Auch im IT-Bereich gibt es zahllose Ansätze zur Reduktion der Kohlendioxydbelastung. Ich komme darauf später noch zurück. Und diese scheinen auch bitter nötig zu sein, denn Google allein produziert dem Vernehmen nach so viel CO2 wie die gesamte Luftverkehrsindustrie – bzw. wird bald soweit sein. Ganz zu schweigen von unseren still vor sich hin murmelnden Supercomputern, die aus schwer nachvollziehbaren Gründen immer neue Spitzenplätze auf der Dongarra-Liste erzielen wollen. Die Haushalte der zugegebenermaßen nicht allzu großen Gemeinwesen Jülich und Garching verbrauchen zusammen genommen viel weniger Strom als die in ihnen angesiedelten Superhobel.

Zu deutlich besseren CO2-Bilanzen könnten auch die Biologen oder Pharmazeuten beitragen, wenn sie endlich sinnvolle Forschungsprojekte aufsetzen würden, z.B. zur Entwicklung von Tabletten, die das Furzen der Kühe reduzieren oder verhindern. Denn Kühe sind, so “grün“ sie auch scheinen mögen, die allerschlimmsten Umweltverpester. Also lautet das Motto: “Esst mehr Schweine statt Kühe und schlachtet die letztgenannten“, auch wenn die Muslime das nicht gern hören werden. Dafür werden uns aber die Hindus für eine solche Initiative sehr dankbar sein. Denn wenn es keine Kühe mehr gibt, kann der Hindu die Verehrung der nicht mehr existenten heiligen Kühe stressfrei organisieren.

Oder: Man könnte oder müsste doch zusätzlich zur Entwicklung verbrauchs- und emissionsärmerer Autos auch erzieherisch wirken und den Couch Potato dazu ermutigen, sich seine Zigarettenpackung zu Fuß statt mit dem Auto von der 500 Meter entfernten Tankstelle zu besorgen oder – besser – das Rauchen gleich ganz aufzugeben. Wenn man einmal familienpolitisch unkorrekt zu sein wagt, dann ließen sich geradezu gewaltige Einsparungen durch Reduktion oder gar Verzicht auf die sonntäglichen Kaffee-und-Kuchen-Trips zu Oma und Opa erreichen. In Wahrheit sind diese Besuche ja meist nur der Angst vor möglicher Enterbung geschuldet.

Und last but not least scheint mir auch im Logistikbereich noch einiges an Verbesserungspotenzial zu liegen. Denn wenn wie vor einiger Zeit eine Bombe vom Jemen nach USA über die Bummelflugroute Sana´a – Doha – Dubai - Köln/Bonn - Nottingham und weiter in Richtung Chicago verschickt werden muss, dann ist das energietechnisch irgendwie suboptimal – es sei denn, dass unterwegs noch Osama Bin Laden, Hassan al-Asiri, Konrad Adenauer und Robin Hood zusteigen sollen. Aber das wäre nun doch wegen des inzwischen erfolgten Ablebens aller Genannten (mit Ausnahme höchstens von Hassan al-Asiri, bei dem ich mir diesbezüglich nicht hundertprozentig sicher bin) allzu unwahrscheinlich. Man sieht, dass das Thema “Green“ unendlich viele Facetten hat – und zu den eigentlichen IT-Fragestellungen bin ich überhaupt noch nicht gekommen. Das bedeutet also, dass diese Problematik in der nächsten Alois-Potton-Kolumne eine zu fortzusetzende sein wird. Also: bis denne und bis die Tage!




In diesem Sinne
Ihr Alois Potton