Alois Potton hat das Wort [Nr. : 81, 05/2012 ]


 

Green IT, die Zweite

 

Nachdem die vorige Kolumne einen Schwerpunkt auf den sozialpolitischen Touch des Green-Hypes gelegt hatte (also auf die Frage, wieweit sich „grün“ durch Einsparungen bei Zigarettenholfahrten oder durch Vermeidung von Oma-Opa-Kaffeetrinkbesuchen realisieren lässt), soll die Sache nun eher technologisch betrachtet werden so wie es sich für „Green IT“ ja auch geziemt.

Einer der größten energiefressenden Brocken sind die Mobilfunknetze (wer hätte das gedacht?). Da kann man nur sagen: „Die ich rief, die Geister, werd´ ich nun nicht los“ (Goethe: Der Zauberlehrling). Auch durch Verringerung der Sendeleistung lässt sich da nicht beliebig viel erreichen, weil ja die gesamte Topographie ausgeleuchtet werden muss, denn der Anwender hat sich nun einmal an das Mobiltelefon gewöhnt und kann es nicht mehr missen – auch nicht in den Hochalpen oder im Wattenmeer. Manchmal fragt man sich, wie es wohl früher gewesen sein mag – also ohne Mobiltelefone und Handygebimmel allerorten. Auf jeden Fall war damals – vor noch gar nicht allzu langer Zeit – die Privatsphäre besser respektiert als heutzutage, wo man quasi permanent immer und überall erreichbar sein muss. Man musste sich nicht so vorwurfsvolle Fragen anhören wie: „Wo warst Du eigentlich? Ich habe dreimal versucht, Dich anzurufen, aber Du bist nie ans Telefon gegangen“. Gefolgt von ziemlich hässlichen Verdächtigungen. Ich habe schon ein paarmal darüber nachgedacht, ob es nicht besser wäre, sich urplötzlich zu wandeln und für jemand auszugeben, der prinzipiell - vielleicht aus energietechnischen Gründen ;-) - kein Mobiltelefon mehr anrührt, geschweige denn benutzt. So wie es auch ein paar Leute geben soll, die keinen Fernseher besitzen und auch nicht besitzen wollen. Aber das wäre nun doch allzu „strange“ und würde noch mehr an Verdächtigungen hervorrufen.

Zusätzlich zu den für die normale Telefonie genutzten Mobilfunkstationen entstehen aber noch um ein Vielfaches höhere andere energetische Aufwände, nämlich zum Beispiel für die ad-hoc- und die Sensor-Netze, deren erster durch den Golfkrieg veranlasster Hype allerdings schon wieder am Abflauen zu sein scheint. Mangels sinnvoller echter Anwendungen spekuliert man hier darauf, alle Sandsäcke bei Oderfluten sowie alle Füchse im Wald mit Sensoren auszurüsten. Die Sandsäcke, um frühzeitig zu erkennen, ob die Deiche noch halten. Die Füchse dagegen, um festzustellen, wann diese einen Hasen verfolgt und ggf. gefressen haben. Ob das nun sinnvolle Anwendungen sind, das wäre noch zu hinterfragen. Sicher ist nur, dass Füchse in der Regel eher nachtaktiv sind, weshalb der am Fuchsschwanz angebrachte Sensor nicht solartechnisch aufgeladen werden kann, sondern mit einer konventionellen Batterie betrieben werden muss. Und diese Batterietypen haben nun einmal eine verflucht kurze Lebensdauer (wie zum Glück der Fuchs allerdings auch) und dass sie nach Ableben des Fuchses zur ökologischen Verpestung des Waldes ihr Scherflein beitragen.

 

Unter den ungezählten Vorschlägen, wie man durch Informationstechnik deutliche Einsparungen an Energie erzielen kann, wird einer besonders oft propagiert, nämlich das Ausschalten des Senders bzw. des Empfängers, wenn nichts zu tun ist – und das entsprechende Wiedereinschalten im umgekehrten Fall. Das Ganze natürlich perfekt adaptiv gesteuert, damit auch nur ja genug Energie für die optimale Berechnung der Schaltzeiten verbraten wird. Ich hatte mal einen Radio (wie der Schweizer sagt), bei dem ich dasselbe versucht habe, um Batteriekapazität zu sparen. Die logische Folge dieses Versuchs war, dass der Ein-Aus-Schalter kaputt ging. Und dessen Reparatur kostete mehr als alle Batterien zusammen im Dauerbetrieb gekostet hätten. Klar: Ich hatte natürlich nicht die gesamte energetische Bilanz ins Kalkül gezogen. Gleiches scheint mir gegeben zu sein bei den zahllosen die Landschaft schwer verschandelnden Windkraftanlagen, die meines Erachtens während ihrer Lebensdauer die Kosten ihrer Herstellung nicht einspielen. Ich habe jedenfalls den Eindruck, dass sie meistens bewegungslos dröge herumstehen und nur bei orkanartigem Sturm Strom produzieren, den man aber gerade dann nicht braucht, denn wer braucht schon Strom im Orkan? Oder sie produzieren zur Unzeit so viel Strom, dass man ihn überhaupt nicht mehr ableiten - geschweige denn verbrauchen - kann, weshalb sich die Stromwerke dann nacheinander per Dominoeffekt abschalten und logischerweise die Energie¬versorgung von Portugal bis zur Ukraine zusammenbricht.

Manchmal scheint mir der enorme Energieverbrauch aber auch eine Folge unzureichenden Algorithmikverständnisses zu sein (diesen Genitiv werde ich jetzt aber für Pfälzer nicht eigens decodieren). Das gilt in Sonderheit für die in Deutschland und anderswo installierten Superhobel. Wenn nämlich wieder einmal ein neuer solcher beschafft wird, der dem Vernehmen nach zehnmal schneller ist als der alte, dann wird der ihn benutzende Physiker vor Begeisterung brüllen, weil er jetzt die Schrittweite h seines Verfahrens zur numerischen Lösung von Differentialgleichungen scheinbar gefahrlos von h = 0,01 auf 0,001 verkleinern und dadurch deutlich genauere Ergebnisse erzielen kann. Dabei allerdings nicht bedenkend, dass die Komplexität des Verfahrens von der Ordnung O(h3) ist, weshalb sich die gesamte Berechnungszeit nicht etwa verringert, sondern um den Faktor 100 erhöht. Und schon schreit natürlich der Physiker wieder nach einem noch neueren und noch schnelleren Hobel, den er dann noch unsinniger betreiben kann.

Ja ja: Die Versuche zur Energieeinsparung treiben oft recht merkwürdige Blüten. Allerdings (in Abweichung vom Thema dieser Kolumne) nur selten so schöne wie die folgende Fehlermeldung, die mich kürzlich ereilte und die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:
Die folgende Fehlernachricht wurde zurückgegeben: "Error in method main.java.lang.NullPointerException". Wie sagt da der Kölner beeindruckt: Dätt hätt jett!




In diesem Sinne
Ihr Alois Potton