Alois Potton hat das Wort [Nr. : 82, 08/2012 ]


 

Parkin-Söhnliches

 

Eigentlich sollte das vorliegende Heft Kurzfassungen der von unserer Fachgruppe für das akademische Jahr 2011 preisgekrönten Arbeiten in den Kategorien Bachelor, Master bzw. Promotion enthalten. Aber wie gesagt: „eigentlich sollte ...“. Die Redaktion der Zeitschrift kam nämlich unglücklicherweise auf die Idee, die Beiträge auf zwei aufeinander folgende Hefte verteilen zu wollen, damit nicht ein einzelnes Heft durch die geballte Ladung von zusätzlichen Manuskripten überfrachtet würde. Daher bot man zwei Deadlines an – in der Hoffnung, dass sich die Autoren je etwa hälftig auf diese beiden „Todeslinien“ konzentrieren würden. Dieses Unterfangen war – im Nachhinein durchaus vorhersehbar – aber ein Schuss in den Ofen, denn alle(!) Autoren nahmen den durch die spätere Deadline scheinbar gestatteten Freiraum dankbar an und entschieden sich für das spätere Heft. Dabei nicht beachtend, dass der so entstehende Aufschub wirklich nur scheinbar ist, denn natürlich wird man die Sache zunächst verdrängen und später aufs Unangenehmste erinnert werden. Zur Strafe wird dann zusätzliche Arbeit zu verrichten sein, denn mit wachsender zeitlicher Distanz wird man vieles von den alten Taten vergessen haben, wenn sich diese Taten in unserer schelllebigen Disziplin nicht sogar als veraltet herausgestellt haben.

Dieser Vorgang zeigt, dass die Redaktion einen Grundsatz nicht beachtet hatte, der ein ähnlich allgemein gültiges Axiom wie die berühmten Parkinsonschen Gesetze ist. Die Redaktion konnte diesen Grundsatz nicht befolgen, weil er erst durch die aktuelle Kolumne ans Licht gebracht wird. Ich will keinen Namen für das folgende in der Tradition der Parkinsongesetze stehende Faktum reklamieren; das könnte vielleicht der Nachwelt überlassen bleiben ;-). Das neue Axiom lautet:

„Von zwei angebotenen Fertigstellungsterminen, die jeweils gleichviel Arbeit erfordern, wird grundsätzlich der spätere gewählt“.

Man kann dieses Naturgesetz, das jede(r) in seinem Umfeld nachprüfen kann, mit unterschiedlichen Argumenten zu erklären versuchen. Einige davon will ich kurz vorstellen.

1. „Der Mensch ist prinzipiell faul und verschiebt Arbeit so weit in die Zukunft wie er kann“.

Prokrastination wird diese Haltung vornehm-psychologisch genannt. Und dagegen lässt sich nicht viel einwenden. Sie sollte aber „in unserem Fall“, nämlich für die Publikation der Beiträge von Nachwuchswissenschaftlern, nicht unbedingt zutreffen, denn unser Nachwuchs müsste doch daran interessiert sein, sich möglichst frühzeitig einer größeren Community bekannt zu machen. Ist er aber offenbar nicht, sonst würde er ja die sich bietenden Chancen so schnell wie möglich nutzen.

 

2. „Es gibt andere Prioritäten“.

Solches ist natürlich immer gegeben, zum Beispiel: Ein Meilenstein für ein EU-Projekt, ein neu zu schreibender Projektantrag (der zwar vorhersehbar abgelehnt wird, aber man muss ja quasi permanent neue Antragsentwürfe erstellen, damit irgendwann vielleicht mal einer eine Chance zur Bewilligung hat), Vor- oder Nachbereitung eines Messeauftritts (obwohl die CeBIT ja zum Glück für die meisten Unternehmen an Überlebensnotwendigkeit deutlich eingebüßt hat, weil man sich via Internet viel leichter, schneller und besser informieren kann), eine bereits ziemlich fortgeschrittene Planung zum Wechsel des Arbeitgebers (was eine Publikation des in Bachelor, Master oder Promotion erzeugten Schmonzes als beinahe irrelevant oder sogar als kontraproduktiv erscheinen lässt) und und und.

3. „Je mehr Zeit zur Verbesserung des Manuskripts bleibt, desto besser“.

Dieses sagt sich der Autor eines Manuskripts natürlich immer, weil er selbst die Unzulänglichkeiten seines Machwerks am besten kennt und fürchtet, dass alle Leser ihm die Schwächen nur so um die Ohren hauen würden, wenn er sie denn nicht eliminierte. Dabei verkennt bzw. überschätzt ein solcher Autor (und die Nachwuchswissenschaftler gehören bevorzugt in diese Kategorie) allerdings Intention und Intensität des Lesens eines typischen Abonnenten unserer Zeitschrift, denn es gilt ja der Satz: „Ein wissenschaftliches Manuskript hat im Mittel 1,5 Leser, den Autor eingeschlossen“.

4. „Wunsch nach späterer Deadline als Korollar aus dem ersten Parkinsongesetz“.

Zur Erinnerung: Das erste und meistzitierte Parkinsonsche Gesetz lautet: „Work expands so as to fill the time available for its completion“. Im vorliegenden Fall (nämlich bei der Anfertigung eines vergleichsweise kurzen Auszugs aus einem Bachelor-, Master- oder Promotionswerk) folgt daraus, dass immer noch etwas zu tun bleibt, denn Perfektion zu erreichen ist so gut wie unmöglich (aber: siehe unten für eine Ausnahme von dieser Regel!). Also werden nicht nur Schwächen ausgemerzt und Ergänzungen angebracht – siehe (3) -, sondern es werden permanent Formulierungen verworfen oder modifiziert solange bis sich die Darstellungen im Kreis drehen, d.h. bis sich die alten Formulierungen allmählich zu wiederholen beginnen.

(Fast) alle Versuche zur Erzielung von Perfektion sind also zum Scheitern verurteilt – und deshalb könnte durchaus auch die frühere Deadline gewählt werden, auch wenn diese schneller kommt, aber dafür weit weniger lang beunruhigt oder schmerzt. Nur in den seltensten Fällen kann Vollkommenheit bei Formulierungen erreicht werden. Aber es gibt solche Beispiele! Eines davon ist mir kürzlich aufgestoßen. Und zwar hat der englische Übersetzer des Paris-verherrlichenden Songs „Aux Champs Elysées“ von Joe Dassin aus dem Jahr 1970 den Titel des Lieds umformuliert zu „Down Waterloo Road“. Wirklich genial! Wenn das nicht eine großartige, hintergründige und absolut gelungene Persiflage ist, dann weiß ich es auch nicht mehr.




In diesem Sinne
Ihr Alois Potton