Alois Potton hat das Wort [Nr. : 83, 11/2012 ]


 

Das Review

 

Das vorliegende Heft unserer Zeitschrift enthält nun endlich Auszüge aus den Arbeiten, die als Bachelorarbeit, als Masterarbeit bzw. als Dissertation im Jahre 2011 mit einem KuVS-Preis 2011 ausgezeichnet wurden. Die Auswahl der preiswürdigen Arbeiten war äußerst schwierig und hielt zeitweise das gesamte ELG (d.h. das erweiterte Leitungsgremium) von KuVS auf Trab, denn es gab eine sehr große Zahl an Einreichungen, die allesamt von hervorragender Qualität waren. Es war also ein geradezu gewaltiges Reviewing der eingereichten Manuskripte erforderlich.

Einer der größten energiefressenden Brocken sind die Mobilfunknetze (wer hätte das gedacht?). Da kann man nur sagen: „Die ich rief, die Geister, werd´ ich nun nicht los“ (Goethe: Der Zauberlehrling). Auch durch Verringerung der Sendeleistung lässt sich da nicht beliebig viel erreichen, weil ja die gesamte Topographie ausgeleuchtet werden muss, denn der Anwender hat sich nun einmal an das Mobiltelefon gewöhnt und kann es nicht mehr missen – auch nicht in den Hochalpen oder im Wattenmeer. Manchmal fragt man sich, wie es wohl früher gewesen sein mag – also ohne Mobiltelefone und Handygebimmel allerorten. Auf jeden Fall war damals – vor noch gar nicht allzu langer Zeit – die Privatsphäre besser respektiert als heutzutage, wo man quasi permanent immer und überall erreichbar sein muss. Man musste sich nicht so vorwurfsvolle Fragen anhören wie: „Wo warst Du eigentlich? Ich habe dreimal versucht, Dich anzurufen, aber Du bist nie ans Telefon gegangen“. Gefolgt von ziemlich hässlichen Verdächtigungen. Ich habe schon ein paarmal darüber nachgedacht, ob es nicht besser wäre, sich urplötzlich zu wandeln und für jemand auszugeben, der prinzipiell - vielleicht aus energietechnischen Gründen ;-) - kein Mobiltelefon mehr anrührt, geschweige denn benutzt. So wie es auch ein paar Leute geben soll, die keinen Fernseher besitzen und auch nicht besitzen wollen. Aber das wäre nun doch allzu „strange“ und würde noch mehr an Verdächtigungen hervorrufen.

Wegen der Komplexität des Entscheidungsprozesses zur Auswahl der besten Arbeiten hat sich Alois ein paar Gedanken zum Thema „Reviewing“, „Reviewer“, „Review“ gemacht, die er hier vorstellen möchte. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass der Begriff „Review“ durchaus unterschiedliche Interpretationen haben kann:

1. Review = Gutachten

Wenn man diese Umschreibung genauer bedenkt, ist sie eigentlich überraschend. Denn normalerweise ist ja die deutsche Sprache eher negativ inspiriert ebenso wie die meisten Deutschen an und für sich ja auch. Einen nicht wertenden oder bestenfalls neutralen Begriff wie „Review“ mit „Gutachten“ gleichzusetzen, das ist schon ziemlich merkwürdig. Impliziert es doch, dass der Ausgang des Reviews eher positiv sein müsste. Das ist in Kenntnis der deutschen Mentalität schwer begreiflich. Vielleicht heißt es „Gutachten“, weil man dem Verfasser eines solchen die Möglichkeit für einen Kalauer geben möchte, wonach die Stellungnahme ja eher ein „Schlechtachten“ sei. Aber wie dem auch sei: Die deutsche Sprache steht mit dieser positiven Umschreibung ziemlich einzigartig da – abgesehen von der nur auf Grönland und den Aleuten-Inseln verbreiteten Sprache Eskimo-Aleutisch, wo statt Gutachten „Nunivak innuinaqtun sugpiaq“ gesagt wird – und das bedeutet: „die milchfarbene Seite des Mondes hervorleuchten lassen“. Die Rückübersetzung von „Gutachten“ ins Englische dagegen liefert „expert opinion“, expert evidence“, „certificate“ oder “testimony“, also jeweils etwas deutlich Vornehmeres und Milderes als das eiskalte Wort „Review“.

2. Re-View = (Auf) Wieder-Sehen

Das ist die erste von drei Interpretationen des Begriffs „Review“, die sich auf eine wörtliche Übersetzung vom Englischen ins Deutsche stützen. Bei der Umschreibung „auf Wiedersehen“ macht sich der Reviewer sehr wenig Mühe und zitiert nur einige ganz kleine Stellen der zu begutachtenden Arbeit, die ihm fragwürdig erscheinen. Die Konsequenz ist dann: „bitte einem anderen Gutachter zur Klärung vorlegen“ oder aber „bitte mir nach deutlicher Überarbeitung wieder zusenden“. Widerspruch zwecklos! Manchmal heißt solches auch „Shepherding“, also etwa: „den Schäfer oder Schäferhund spielen, um das Manuskript wieder einzufangen, nachdem man es gebissen hat“ oder „als guter Hirte das verlorene Schaf wieder der Herde zuführen“. Zu Letzterem wird es nur in den seltensten Fällen kommen, weil die Deadline bis zum Erscheinen der Arbeit zu kurz und daher meist schon abgelaufen ist.

 

3. Re-View = Rück-Schau

Zu dieser Variante wird gegriffen, wenn der Gutachter sich auf seine eigenen Arbeiten rückbesinnt – und natürlich zum Schluss kommt, dass das Manuskript eigentlich keine signifikante Erweiterung oder Verbesserung, sondern allenfalls um eine Verschlimm-besserung seiner eigenen Machwerke handele. Der Nachweis für diese These gelingt schnell und ständig, weil der Gutachter ja am deutlich längeren Hebel sitzt: D.h. er kann apodiktisch auf seiner Meinung bestehen, der arme Autor hat das gefälligst zur Kenntnis zu nehmen. Man wird es kaum glauben, wie weit entfernt das Machwerk des Gutachters vom aktuellen Manuskript sein kann und wie viel schlechter als die aktuelle Arbeit es ggf. sogar sein kann. Diese Art von Rückschau kann man bei freizügiger Interpretation auch als „Rezension“ bezeichnen, also mit einem Begriff, der etwas mit „Zensur“ zu tun hat.

4. Re-View = Rück-Sicht

Rücksichtnahme wird dem Manuskriptautor vom Gutachter nur selten zugebilligt. Schon gar nicht, wenn der Gutachter einen Untergebenen aus seinem Stall als Dummygutachter heranzieht, der an ähnlichen Fragestellungen arbeitet. Denn: der Untertan wird unbedingt zeigen wollen, dass er es natürlich viel besser könnte als der eher grenzdebile Autor. Man erkennt solche untergebenenerstellten Gutachten daran, dass sie mit besonderer Schärfe formuliert sind, dass sie sich über jede Schwäche (und sei sie noch so marginal) des Manuskripts genüsslich auslassen und vor allem natürlich daran, dass sie drastisch viel länger sind als das, was der „reguläre“ Gutachter selbst zusammenfaseln würde. Auch der Programmausschuss von Tagungen müsste das bereits aus der Länge der Stellungnahme erkennen und seine Schlüsse (nämlich Nichtberücksichtigung eines solchen beißerischen Gutachtens) ziehen: Tut er aber nur selten oder nie!

5. Reviewing = (in Anagrammform) Ing-Viewer

Diese Variante ist einem (Elektro)-Ingenieur zu verdanken und bedeutet: „die Sache aus ingenieurwissenschaftlicher Sicht anschauen“. Aber dabei wird überhaupt nicht berück-sichtigt, dass Reviews auch aus geistes- oder kulturwissenschaftlicher Ecke betrachtet werden können oder sogar müssten.

Ein anderer Elektroniker verdoppelte das „w“ in „Reviewing“ und verfiel dann auf das (immerhin als solches korrekte) Anagramm „Winger View“, also auf „die Sicht eines Flügelstürmers“. Was indirekt bestätigt, dass es sich bei den Elektronikern und den Elektroingenieuren um ziemliche Außenseiter handelt.




In diesem Sinne
Ihr Alois Potton