Alois Potton hat das Wort [Nr. : 84, 03/2013 ]


 

Das (vorhersehbar erbärmliche) Schicksal von Großprojekten

 

Diverse Institutionen (EU, BMFT, DFG,…) geben Unsummen für Großprojekte aus, in denen mehrere Partner zusammenarbeiten (sollen), um durch diese Kooperation unerreichbar scheinende Fortschritte zu machen. Und man wundert sich dann nicht selten, wie kläglich bescheiden das Ergebnis gemessen am finanziellen Aufwand und auch bzgl. der Kompetenz der beteiligten Partner ausfällt. Warum dem so ist und offenbar so sein muss, darüber habe ich mir schon lange meine Gedanken gemacht. Allerdings ohne eine wirklich schlüssige Erklärung dafür zu finden. Die „Erleuchtung“ kam mir erst bei der Lektüre des äußerst empfehlenswerten Buchs „Predictably Irrational“ von Dan Ariely. Dort macht der Autor nämlich ein absolut überzeugendes Gedankenexperiment, das mit einiger Sicherheit schon lange bekannt ist. Aber ich könnte mir vorstellen, dass es für den einen oder anderen PIK-Leser neu sein wird. Deshalb möchte ich es noch einmal aufschreiben. Die Sache geht ungefähr so:

Vier Leute (oder an einem Projekt beteiligte Institutionen) sitzen um einen Tisch. Jeder erhält 10 EURO Spielgeld (oder meinetwegen 1 Million Projektmittel, egal). Da erscheint der Spielleiter (oder meinetwegen die EU) und teilt mit, man könne die Gelder noch vergrößern und zwar wie folgt: Jeder der Beteiligten möge einen Teil seiner Mittel (oder auch alles bzw. gar nichts) in eine Kiste werfen, ohne dass die anderen das sehen. Danach wird die Kiste geleert, der Spielleiter verdoppelt den zusammen gekommenen Betrag und verteilt alles gleichmäßig auf die vier Beteiligten. Soweit so gut – und nun wollen wir einmal ein paar Runden spielen, wobei wir der Einfachheit halber immer von derselben Anfangskonfiguration ausgehen, nämlich 10 EURO pro Partner. Man kann das Spiel aber auch mit beliebig unterschiedlichen Geldbeträgen spielen. Die Beteiligten sollen sich übrigens nicht untereinander absprechen dürfen.

Wenn jeder Beteiligte seinen gesamten Betrag riskiert, dann sind 40 EURO im Topf. Der Spielleiter verdoppelt das auf 80 EURO und gibt jedem Beteiligten 20 EURO. Jeder hat also 10 EURO Profit gemacht! Fein. Wunderbar. So könnt det weitajehn. Tut es aber leider nicht, wie man gleich sehen wird.

Nehmen wir einmal an, dass einer der Beteiligten ein Kameradenschwein oder ein Geizkragen ist, der nichts in die Kiste tut, während die anderen drei brav je 10 EURO reinlegen. Dann sind 30 EURO in der Kiste, die der Spielleiter zu 60 EURO verdoppelt, worauf jeder Partner 15 EURO ausgezahlt erhält. Die drei „braven“ Partner besitzen dann jeweils eben diese 15 EURO, aber der Geizkragen hat jetzt 10+15 = 25 EURO, denn er hat ja sein Grundkapital nicht angetastet. Er hat sich also auf Kosten der anderen bereichert. Knurr! Rache ist angesagt, obwohl bisher noch jeder Einzelne einen Gewinn gemacht hat

In Runde 3 werden die Beteiligten jetzt aus den Vorgängen gelernt haben und vorsichtiger agieren. Nehmen wir an, dass nur noch der erste Partner sein volles Grundkapital von 10 EURO investiert. Partner 2 tut 6 EURO in die Kiste und Partner 3 bzw. 4 setzen gar nichts ein. Dann hat der Spielleiter 16+16 = 32 EURO zu verteilen und jeder Beteiligte erhält 8 EURO ausgezahlt. Somit haben sich dann die knickrigen Partner 3 und 4 deutlich auf jeweils 10+8 = 18 EURO „verbessert“. Partner 2 besitzt 10-6+8 = 12 EURO (na immerhin noch ein keiner Gewinn). Aber der mutigste Partner 1 hat jetzt nur noch 0+8 = 8 EURO, ist also verarmt (was noch drastischer ausgefallen wäre, wenn Partner 2 nichts eingesetzt hätte).

 

Im weiteren Verlauf des Spiels kann nun mit ziemlicher Sicherheit davon ausgegangen werden, dass alle Beteiligten immer vorsichtiger werden, weil sie bei höheren Einsätzen sofort bestraft zu werden riskieren. Schlussendlich werden alle so gut wie nichts mehr einsetzen, d.h. das Spiel kommt über kurz oder lang zum Stillstand.

Was bedeutet dieses Gedankenexperiment nun für Großprojekte? Sie werden es bereits ahnen, aber ich will es noch einmal klarstellen: Wenn jeder Projektpartner seinen vollen Einsatz bringt, dann läuft alles prima. Aber in jedem Konsortium gibt es Kameradenschweine, welche die anderen gern etwas mehr als normal tun lassen. Solches wird – wie oben gezeigt – nicht etwa bestraft, sondern im Gegenteil sogar belohnt, weil der betreffende Partner auf diese Weise zum Beispiel seine Projektgelder für andere Zwecke verfremden kann – etwa dadurch, dass er seine Projektmitarbeiter nur teilweise für projektspezifische Aufgaben einsetzt und so auf anderen Feldern Gewinne machen kann. Natürlich werden die anderen Partner das merken, aber es ist kaum etwas dagegen auszurichten. Mit einer einzigen Ausnahme: Sie können (und werden) sich fortan in ihrem Einsatz für das Projekt zurücknehmen. Nach dem Motto: Nicht mehr tun als der faulste andere Partner tut. Und damit werden dann alle zusammen so gut wie gar nichts mehr tun! Womit der klägliche Ertrag ziemlich aller Großprojekte überzeugend erklärt wäre.

Gibt es Hoffnung auf Besserung? Sehr wenig, denn das Gedankenexperiment beschreibt ein Naturgesetz, das dem Menschen ureigen ist und sich nicht einmal im Zeitraum von vielen Generationen außer Kraft setzen lässt. Aber zum Glück gilt dieses Naturgesetz ja in allen Ländern der zivilisierten Welt in gleicher Weise, weshalb sich eine länderübergreifende ausgleichende Gerechtigkeit einstellt. Das ist zwar ein schwacher Trost, aber immerhin besser als nichts.

Zusatz:
Die Erbärmlichkeit des Ausgangs sehr vieler Großprojekte hat viel gemeinsam mit dem Gefangenenparadoxon, für welches zwei Voraussetzungen gelten müssen:
a. Keine Kooperation zwischen den Beteiligten.
b. Konkurrenzsituation zwischen den Beteiligten mit egoistischer Gewinnabsicht.
Bei den Großprojekten (also z.B. im universitären Umfeld) braucht a. aber nicht einmal zu gelten und b. gilt sowieso. Man sehe:
Der Beteiligte (nennen wir ihn „Prof“) partizipiere an deinem Großprojekt (z.B. SFB oder GRK). Damit will er sich natürlich gegenüber seinen Kollegen oder auch im internationalen Umfeld gewaltig profilieren, um sich dadurch vielleicht auswärtige Rufe und zusätzliche Mitarbeiterstellen zu ergattern (ätsch, ihr anderen Profs!).
Eine Möglichkeit dazu wäre eine gemeinsame Forschungsanstrengung mit einem anderen SFB-Prof und anschließender gemeinsamer Publikation. Aber dann hätte er ja nur 50% des Ruhms und der andere Prof könnte ebenfalls auf eine zusätzliche Mitarbeiterstelle oder gar eine ihm zugeordnete höherwertige zusätzliche Stelle lauern. Also kommt das nicht oder kaum in Frage.
Die Alternative besteht darin, im SFB eher lau mitzuarbeiten (bestenfalls so viel, dass Prof ohne zu viel eigenen Aufwand an gemeinsamen SFB-Arbeiten als Mitautor, genauer gesagt als „Draufschreiber“, partizipieren kann) und die auf diese Weise gewonnene Arbeitszeit egoistisch zur Verbesserung des eigenen „Hirschen“ einzusetzen. Das ermöglicht dann noch mehr auswärtige Rufe, Ruhm usw.
Man mag argumentieren, dass Prof so nicht handeln wird, weil die anderen Profs das ja merken und kaum begeistert sein werden. Aber das ist Prof (jedenfalls einer nichtleeren Menge von Exemplaren des Typs Prof) völlig egal, denn entweder wird man ihn für ein Folgeprojekt ob seines gewaltigen „Hirschen“ unbedingt brauchen oder aber er wird vielleicht die Uni verlassen haben oder aber er wird in Rente gegangen sein.




In diesem Sinne
Ihr Alois Potton